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Family Values: Hollywood an der Havel

Das Studio Babelsberg ist zu Europas Filmstandort Nummer eins aufgestiegen, holt Stars nach Deutschland und realisiert internationale Produktionen, die Oscars gewinnen. Können Privatinvestoren von der Erfolgsgeschichte profitieren?

Erschienen:

  • Mai 2009

Fotos:

  • Tom Peschel
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Wenn Brad Pitt in Berliner Kneipen sitzt. Wenn Quentin Tarantino durch die Stadt wandert, als wäre er hier zu Hause. Wenn Matt Damon in Hauptstadt-Clubs tanzt und Kate Winslet von ihrer Dankesrede zum Oscar ein geheimes Zeichen an ihre deutschen Freunde sendet – dann liegt das am Studio Babelsberg bei Potsdam, das die heimische Filmindustrie fast im Alleingang auf Augenhöhe mit Hollywood bringt.

Dabei war das älteste Filmstudio Europas, gegründet 1911, noch vor sechs Jahren fast pleite. Seit 1992 hatte Frankreichs früherer Medienriese Vivendi sein Glück auf dem Gelände der ehemaligen Ufa- und Defa-Studios versucht, wo einst Filmklassiker wie „Metropolis“ und „Der blaue Engel“ entstanden. Doch trotz Investitionen von mehr als einer halben Milliarde Euro und der Ansiedlung von etwa 140 Medienfirmen hatten die Franzosen weder im Film noch im Immobiliengeschäft den erhofften Erfolg. Vivendi stellte am Ende das verlustreiche Filmemachen ein – Babelsberg war fast nur noch Fernsehdienstleister.

Als 2004 dann sogar die Schließung drohte, kaufte der Münchner Unternehmensberater Carl Woebcken zusammen mit seinem Partner Christoph Fisser das Studio – für einen symbo-lischen Euro. Vivendi übernahm sogar noch 18 Millionen Euro Altschulden. Gegen Woebcken und Fisser regte sich zunächst großer Widerstand. Der Babelsberger Betriebsrat protestierte sogar bei Bundeskanzler Gerhard Schröder: Die Investoren seien allein an der Immobilie interessiert. Kaum jemand traute ihnen damals den heutigen Erfolg zu.

Inzwischen werden 80 Prozent der deutschen Kinofilme in Babelsberg oder mit dessen Unterstützung verwirklicht. Das Studio ist heute Synonym für Großproduktionen, Auszeichnungen und internationale Stars – spätestens seitdem Kate Winslet für den bei Potsdam gedrehten Film „Der Vorleser“ einen Oscar bekam. „Studio Babelsberg ist aufgrund seiner Erfolgsgeschichte derzeit Filmstandort Nummer eins in Europa“, sagt der Vorstandsvorsitzende Woebcken. Durch die Restrukturierung des Unternehmens und die Fokussierung auf internationale Großproduktionen konnte er in den vergangenen zwei Jahren viele Produktionen nach Babelsberg holen. „Mit aktuellen Produktionen wie ‚Der Vorleser‘ mit Kate Winslet, ‚Operation Walküre‘ mit Tom Cruise, Tom Tykwers ‚The International‘ und Quentin Tarantinos ‚Inglourious Basterds‘ mit Brad Pitt haben wir uns in der internationalen Filmbranche eine exzellente Reputation geschaffen“, freut sich Woebcken.

Ein künstlerischer Erfolg, der vor allem wirtschaftliche Gründe hat. 2006 schuf Kulturstaatsminister Bernd Neumann ein neues Instrument: Der deutsche Filmförderfonds (DFFF) gibt seitdem direkt Geld an Filmschaffende – jährlich 60 Millionen Euro.

Kaum ein Player der deutschen Filmlandschaft profitiert so sehr von dieser neuen Förderung wie das Studio Babelsberg. Filme wie „The International“ und „Operation Walküre“ bekamen je knapp fünf Millionen Euro aus dem Fonds, dazu kommen Fördermittel der Bundesländer und der bundeseigenen Filmförderungsanstalt. Amerikanische Produzenten verlagern ihre Vorhaben daher trotz des schwachen Dollars gern nach Deutschland. 2007 machte die Studio Babelsberg AG sechs Millionen Euro Gewinn – das erfolgreichste Jahr seit dem Mauerfall. 2008 waren es mit insgesamt sieben Produktionen immerhin 3,6 Millionen – bei einem Umsatz von 65 Millionen Euro.

Wie können Privatanleger in diese Erfolgsgeschichte investieren? Die einfache Antwort gibt Woebcken: „Jeder kann Aktien der Studio Babelsberg AG erwerben und somit Teilhaber der traditionsreichen Filmstudios werden.“ Babelsberg ist seit April 2005 an der Börse. Sein Haus habe „im Vergleich mit vielen anderen Medienunternehmen keine Bankverbindlichkeiten – daher müssen keine Fremdkapitalkosten erwirschaftet werden“,lobt der Chef sich selbst: „Der Substanzwert der AG ist beträchtlich, bestehend aus dem Kassenbestand und den unbelasteten Grundstücken mit hochmodernen Studiogebäuden und Büroflächen.“ Und nicht zuletzt sei die Verlängerung des DFFF bis 2012 „ein außerordentlich positives Signal“ für die deutsche Filmbranche.

Wer nicht nur Aktien kaufen, sondern wirklich Koproduzent eines Filmes werden möchte, sollte hingegen die richtigen Leute kennen. Die Szene gilt als ausgesprochenes „People’s Business“, in dem fast alles über persönliche Kontakte läuft. Dabei werden private Geldgeber mehr denn je gebraucht: „Die globale Finanzkrise hat auch Auswirkungen auf die Filmbranche. Finanzierungsquellen wie Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften haben ihre Investitionen zurückgefahren oder eingestellt“, so Babelsberg-Chef Woebcken.

Alexander Thies, Vorstandsvorsitzender des Branchenverbandes Produzentenallianz, bindet mit seiner Produktionsfirma NFP selbst gern private Kapitalgeber ein: „Ich habe das bei den Filmen ‚Luther‘ und aktuell ‚Schweitzer‘ so gemacht und damit sehr gute Erfahrungen gesammelt. Es braucht aber auch Ansprechpartner in der Filmbranche, die die Sprache der Investoren sprechen. Um attraktiver für private Investitionen zu werden, müssten die Produzenten marktbezogener verwerten können.“ Wünschenswert sei eine Plattform für Produzenten und Geldgeber, die mehr Markttransparenz schaffen würde.

Schon ab 30.000 Euro kann man Dokumentarfilme koproduzieren, bei Kinofilmen spielt man in der Regel erst ab sechsstelligen Summen mit. Das Investment kann sich lohnen: Trotz DVD und Internet stiegen die Kinoticketverkäufe dieses Jahr in den USA und Kanada bislang um 17 Prozent auf 1,93 Milliarden Dollar. Die Zahl der Besucher wuchs um 15 Prozent auf mehr als 264 Millionen.

Und so will auch Babelsberg verstärkt selbst als Produzent und Koproduzent auftreten, um deutlicher an Erlösen zu partizipieren. „Internationale Koproduktionen wie ‚Der Vorleser‘ und ‚Operation Walküre‘ sowie Beteiligungen an deutschen Produktionen wie ‚Hexe Lilli‘ und ‚Mord ist mein Geschäft, Liebling‘ sind dabei wegweisend“, sagt Christoph Fisser, der das Studio zusammen mit Woebcken leitet: „Im Zentrum unseres Interesses stehen Produktionen, die vollständig oder zum Teil am Standort Babelsberg umgesetzt werden.“ Stolz sind Woebcken und Fisser auf die strategische Allianz mit US-Produzent Joel Silver, die eine Beteiligung an Gewinnen aus dem Dark-Castle-Produktionspaket beinhaltet. In den vergangenen vier Jahren produzierte Silver zusammen mit Babelsberg bereits die Filme „V for Vendetta“, „Speed Racer“ und „Ninja Assassin“. Christoph Fisser: „Wir sind bei allen zukünftigen Filmen von Dark Castle als Koproduzent an Bord.“ Insgesamt geht es bei diesen „Slates“ genannten Paketen im Regelfall um 20 bis 25 große Produktionen – aktuelles Beispiel ist „RocknRolla“, das jüngste Werk von Guy Ritchie. Künftig weht durch die deutsche Filmindustrie also mehr als nur ein Hauch Hollywood.



„Gesicherte Dividenden gibt es nicht“


Interview mit Mathias Schwarz, Geschäftsführer Sektion Kino des Branchenverbandes Produzentenallianz



Ist es derzeit schwierig, Filme zu finanzieren? Freuen sich Produzenten über Privatinvestoren?

In der Tat ist es in der Finanzkrise für Produzenten schwieriger geworden, Bankdarlehen zur Finanzierung von Filmproduktionen zu erhalten. Diese Situation wird verschärft durch die aktuelle Unsicherheit in Bezug auf die Verfügbarkeit der Fördermittel des Filmförderungsgesetzes. In dieser Situation ist es immer wieder gelungen, Privatpersonen dafür zu interessieren.


Wie funktioniert das konkret?

Entweder dadurch, dass die Privatperson der Filmproduktionsfirma als Kommanditist beitritt oder die Privatperson selbst oder über eine ihr gehörende Firma Koproduzentin wird. Hierzu wird ein Koproduktionsvertrag abgeschlossen, der die finanziellen Beiträge, die Aufteilung der Rechte, die wechselseitigen Zustimmungsrechte und die Reihenfolge der Rückdeckung der investierten Gelder festlegt.


Welche Dividende kann ein Investor erwarten?

Gesicherte Dividenden gibt es für einen Filminvestor nicht. Ein Investor muss jeweils prüfen, welche Verwertungspotenziale in der Produktion stecken und welche vorrangigen Rückführungspositionen – zum Beispiel auch an die Förderinstitutionen – es gibt. Letztlich hängt die Dividende aber entscheidend vom Publikumserfolg ab, der selten mit Gewissheit vorausgesagt werden kann.


Ein erhebliches Risiko ...

... das ein Investor als Koproduzent oder als Kommanditist aber zumindest dadurch faktisch reduzieren kann, dass der Aufwand, den er in die Produktion steckt, als Kosten der Herstellung eines immateriellen Wirtschaftsgutes des Anlagevermögens steuerlich nicht aktiviert werden darf und somit im Jahr der Filmherstellung zu einem steuerlichen Verlust führen kann.


Wie viel Geld muss ich mitbringen, um Koproduzent zu werden?

Die Höhe der erforderlichen Beteiligung hängt von dem einzelnen Projekt ab. Hier finden sich Investments von 30.000 bis zu mehreren Millionen Euro.


Finde ich konkrete Investitionsobjekte nur, indem ich Produzenten anspreche? Wieso gibt es keine Plattform, die Produzenten und Investoren zusammenbringt?

Dem Vertrauen in die Produktionspartner kommt in der Tat eine erhebliche Bedeutung zu. Diese lassen sich nicht standardisiert erzeugen. Eine Börse für Filminvestments kann es deshalb wohl nicht geben. Darüber hinaus würden standardisiert vorgegebene Konzepte auch die steuerliche Geltendmachung etwaiger Verluste gefährden. Das ist in anderen europäischen Ländern anders, zum Beispiel in Frankreich, Irland und Ungarn. Es wäre zu wünschen, dass solche Konzepte auch in Deutschland eingeführt werden.