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HÖRZU: Ganz einfach besser

Das Ideal der Leistungsgesellschaft gerät ins Wanken. Entschleunigung nennt sich ein neuer Trend, der mehr Zufriedenheit und echte Lebensqualität verspricht

Erschienen:

  • November 2003
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Mark Pohlmanns Leben wurde ausgebremst. Seitdem, sagt er, sei er ein glücklicherer Mensch. Mark Pohlmann ist Pressesprecher der Internet-Firma Sinner-Schrader. „Es war”, erinnert er sich an die Zeit des großen Internet-Hypes, „wie im Rausch”. Damals, in den Jahren vor 2001, da ging alles immer nur bergauf - zumindest schien es so. „Wir fühlten uns”, sagt Pohlmann nachdenklich, als Teil einer kulturellen und wirtschaftlichen Avantgarde.” Eine Avantgarde, die vor allem einen Anschein erwecken wollte: hektisch und eilig zu sein. Das Dogma in dieser Branche hieß „Die Schnellen fressen die Langsamen”. „Zeit war das höchste Gut. Alles musste sehr schnell gehen.”

Der Zusammenbruch der Börsen beendete diesen Rausch abrupt. Die Etats in der New Economy sind kleiner geworden, viele einstige Überflieger sind jetzt arbeitslos. Pohlmann nicht. Er behielt seinen Job. Den Realitätsschock, den er dennoch erlitt, bezeichnet er als „heilsam”. Er habe nun das Gefühl, „wieder geerdet” zu sein. Er könne nun gar das „Berufliche stärker vom Privaten trennen”. Routinierter, sachlicher den Dingen gegenüber eingestellt fühlt sich Pohlmann. Statt überhöhter Leistung sucht er plötzlich „Lebensqualität”, anstatt am Wochenende „durchzuackern”, hat er nun Samstag und Sonntag lieber frei. Mark Pohlmann hat sein Leben „entschleunigt „. Und auch wenn das bei ihm eher unfreiwillig geschah - er liegt damit voll in einem neuen Trend.


TECHNIK BESCHLEUNIGT UNSEREN RHYTHMUS

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Geschwindigkeit als Fortschritt gilt. In der Computerchips ihre Leistung alle 18 Monate verdoppeln, ewig klingelnde Handys uns ständig erreichbar sein lassen, wo Lebensratgeber noch den letzten Winkel unseres Privatlebens optimieren wollen. Die Zeit scheint uns dabei immer knapper zu werden. „Jede neue Technologie, die uns scheinbar objektiv Zeit gewinnen lässt, beschleunigt unseren Rhythmus und den Fluss unserer Tätigkeit”, sagt der renommierte amerikanische Zukunftsforscher Jeremy Rifkin: „Sie verschafft uns mehr Arbeit, anstatt dass sie uns mehr Zeit bescheren würde. So entsteht eine Zivilisation der Ungeduld.”

Immer weniger Menschen müssen immer mehr arbeiten. Der Alltag ist bis in die letzte Sekunde durchgeplant. Geht dabei etwas schief, gerät gleich alles aus der Bahn. Wir werden immer hektischer und unduldsamer: In der Schlange zu stehen macht uns rasend, eine besetzte Telefonleitung, ein langsamer Computer oder ein trödelnder Passant lassen uns vor Wut kochen. Dabei merken wir nicht, dass wir selbst unter diesem ständigen Geschwindigkeitswahn leiden: Menschen schlafen heute im Durchschnitt eine Stunde weniger als vor 100 Jahren; der Umsatz an Beruhigungsmitteln und Antidepressiva steigt jährlich um zehn Prozent. „Die körperlichen Belastungen stagnieren, die psychischen Belastungen nehmen dramatisch zu”, sagt der Hamburger Arbeitswissenschaftler Alfred Oppolzer. Klagten 1990 noch 48 Prozent aller Berufstätigen über Stress, sind es heute schon 58 Prozent. Jeder Dritte fühlt sich sogar in seinem Privatleben unter Zeitdruck. Das beschleunigte Leben macht uns krank. „Wir versuchen, immer mehr in unsere Zeit zu stopfen”, sagt der Münchner Zeitforscher Karlheinz Geißler. Axel Braig, Autor des Buches „Die Kunst, weniger zu arbeiten”, ergänzt: „Viele Menschen fühlen sich nur nützlich und anerkannt, wenn sie ständig Überstunden schieben und nebenher möglichst viel auf die Reihe kriegen.” Die Folge: Immer mehr leiden an den klassischen Stresskrankheiten: nervöse Unruhe, Schlaflosigkeit, Magendrücken, Rückenschmerzen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen.


BESINNUNG DURCH ZWANGSPAUSE

Manche Menschen müssen erst aus der Bahn geworfen werden, um die Kraft der Ruhe für sich zu entdecken. Das vergangene Jahr erinnert Maren Weber an eine Achterbahnfahrt. Die 29-jährige TV-Reporterin war Single und hat keine Party ausgelassen: „Es war wie ein innerer Zwang, überall dabei sein zu wollen”, sagt sie. Nach einer Einladung zum Abendessen hatte sie meist schon wieder eine andere Verabredung zum Ausgehen. Freie Tage: Fehlanzeige. Zum Schluss empfand sie selbst angenehme Termine wie Pediküre oder eine Frühstücksverabredung schon als Qual: „Ich war von einer inneren Unruhe getrieben, habe meine Freunde genervt, weil ich nie spontan Zeit hatte und immer auf dem Sprung war.”

Sie kaufte teure Bücher über Meditation, die sie dann nicht las. Meldete sich zum Yoga-Kurs und ging nicht hin. Fing eine Ayurveda-Kur an und hatte nach drei Tagen keine Lust mehr. Aufgrund eines Beinbruchs musste Maren dann eine Zwangspause einlegen und kam endlich wieder zur Besinnung: „Endlich hatte ich Zeit, die Bücher wirklich zu lesen, Freunde haben mich besucht, und ich konnte überlegen, wen oder was ich wirklich in meinem Leben brauche.” Jetzt lässt sie mindestens zwei Abende pro Woche terminfrei, an denen sie nach dem Yoga aufs Sofa geht und nicht in die Bar. Genau richtig, sagt der Experte Braig. Sein schlicht klingender Tipp: „Drosseln Sie Ihr Tempo und lernen Sie, Ihr Leben zu genießen.” Aber wie? Lothar Seiwert hat die Beantwortung dieser Frage zu seinem Job gemacht. Der Heidelberger Experte für Zeitmanagement berät Unternehmen wie IBM, SAP und DaimlerChrysler und warnt vor „Hurry Sickness”, zu Deutsch: Hetz-Krankheit. Für ihn gibt es keine Zeit-, sondern nur Prioritätenprobleme. „Weniger arbeiten kann nicht nur produktiver sein, sondern zu besseren Entscheidungen führen.” Seiwerts Motto: „Wenn du es eilig hast, gehe langsam.”

Für solch buddhistische Gelassenheit hat nicht jeder Verständnis. Einen „Kulturkampf zwischen Beschleunigung und Entschleunigung “ prophezeit denn auch der SPD-Politiker und Publizist Peter Glotz. Sieht so aus, als würde er Recht behalten: Schon jetzt haben die Werber – Seismographen gesamtgesellschaftlicher Befindlichkeit – das Phänomen entdeckt. Und sich nicht ohne Berechnung auf die Seite der Entspannten geschlagen: „Slow down, pleasure up” lockt die Zigarettenmarke Camel. Autohersteller wissen längst, dass der robust schunkelnde Geländewagen zum Statussymbol vermögender Kunden geworden ist – der hektisch flitzende Porsche gammelt derweil beim Gebrauchtwagenhändler. Und die Firma Montblanc, deren edle Füllfederhalter als Synonym von Technik-Skepsis und besinnlicher Schreibkultur gelten dürfen, betreibt in New York ein „Entschleunigungs-Studio”, in dem Kunden vom Großstadtstress entspannen dürfen. Immer mehr Menschen beherzigen den Satz von Hans Magnus Enzensberger, dass Zeit „das wichtigste aller Luxusgüter” ist.


LANGSAMER, ABER BESSER ARBEITEN

Seit einigen Jahren wirbt die „Slow Food”-Bewegung für bewusst entschleunigtes Essen. Seit Anfang dieses Jahrhunderts kam der Typus des „Slobbies” dazu. Das steht für „slowly but better working people”, zu Deutsch: „langsamer, aber besser arbeitende Menschen”. Wellness-Angebote boomen, weil das Ausspannen vom fordernden Job inzwischen nicht für esoterische Sinnsuche, sondern soziale Klugheit steht: Nur wer relaxen kann, leistet langfristig viel. Das Yuppie-Ideal des dauergestressten Managers hat ausgedient. Derzeit gilt eher die Karikatur des Schweizer Schriftstellers Martin Suter, eines ehemaligen Werbers. Er beschreibt den Cheftyp des „heimlichen Stressers”, der zu seinem Terminkalender greift „wie ein Trinker zum Flachmann”. Clevere Führungskräfte haben längst jene drei „K” für sich entdeckt, mit denen „Der Spiegel” süffisant das amerikanische Modewort „Quality Time” erklärt: Kinder, Küche, Kirche.


WAS IST WIRKLICH WICHTIG IM LEBEN?

Manche gehen noch einen Schritt weiter. Die Autorin Anke Richter hat vor neun Jahren der Zivilisation den Rücken gekehrt und einfach mal Pause gemacht. Mit ihrem Erfahrungsbericht „Aussteigen auf Zeit. Das Sabbatical-Handbuch” schrieb sie dann sogar ihren ersten Bestseller – mehr als 20 000 Exemplare wurden bisher verkauft. Wichtiger aber ist ihr die persönliche Erfahrung: „Ich habe gemerkt, was wirklich wichtig ist, und kann heute sagen, ich habe die Lebensform meiner Träume gefunden.” Es geht ihr nicht darum, sich aus dem bürgerlichen Leben komplett zu verabschieden: „Ich liebe meinen Beruf. Es geht für mich darum, ein gutes Leben und den Beruf zu vereinigen.” Doch wichtig ist ihr, dass sie der Hektik nicht nachgibt: „Ich muss nicht immer jede E-Mail sofort beantworten.”

Auch der Oldenburger Erwachsenen-Lehrer Manfred Folkers ist als Buchautor erfolgreich geworden – er hat das Thema Entschleunigung wie zufällig gefunden. „Ursprünglich wollte ich über Achtsamkeit schreiben, mit praktischen Entspannungsübungen”, erklärt der Tai-Chi-Lehrer. „Dann wurde dieser schillernde Begriff plötzlich zum eigentlichen Thema. Entschleunigung bedeutet mehr als das Gegenteil von Beschleunigung. Es ist das ganz bewusste Wegnehmen von Geschwindigkeit.” Die bewusste Wahrnehmung sei entscheidend: „Ich erkenne Hektik und Speed in meinem Leben und gehe dagegen an.”

Folkers will sich dennoch nicht in Innerlichkeit flüchten, sondern politisch und gesellschaftskritisch bleiben. „Jeder muss in seiner Umwelt genau wahrnehmen, wo er etwas ändern kann.” Deshalb schreibt er in seinem Buch auch schon mal von der „Gier unserer Gesellschaft”.

Vergleichsweise pragmatisch, aber mit demselben Ergebnis argumentiert Unternehmensberater Seiwert: „Wir müssen wieder lernen, dass Zeit nicht Geld, sondern Lebensqualität ist.” Im eigenen Unternehmen hatte er dazu eine praktische Idee – Seiwerts Mitarbeiter haben freitags frei. Nicht ganz uneigennützig, denn an diesem Tag bleibt auch der Chef schön lange im Bett liegen.