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The Iconist: Grüne Welle

Bei BMW arbeitet ein Think Tank unter dem Namen „Project I“ an revolutionären Mobilitätsideen für weltweite Ballungsräume. Im Kern des Konzepts steht ein Elektrofahrzeug, doch das Team der Tüftler soll grundsätzlich neu definieren, wie wir mit Autos leben. Ein Gespräch mit dem Projektleiter Ulrich Kranz

Erschienen:

  • Mai 2010

Creative Direction:

  • Brian O'Connor

Redaktionelle Leitung:

  • Inga Griese
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Herr Kranz, Sie arbeiten Sie nicht nur an einem neuen Elektrofahrzeug für BMW, dem „Megacity Vehicle“, sondern gleich einem ganzen Mobilitätskonzept. Wie darf man sich das vorstellen?

Wir schauen uns im Project I alle Bereiche innerhalb der Automobilfertigung, im Design und im Vertrieb an. Wir betrachten also nicht nur das einzelne Produkt, sondern den gesamten Prozess unter dem Aspekt ‚Nachhaltigkeit’. Wir schauen uns an, wie man Fahrzeuge in Zukunft mit weniger Energieeinsatz produzieren kann, aber wir stellen auch Logistik und Marketing auf den Prüfstand.


Was haben Sie dabei herausgefunden?

Es gibt vom Kunden den Wunsch nach anderen Antworten für das Thema Mobilität. Ein Beispiel ist, dass man ein Elektrofahrzeug wie das Megacity-Vehicle, das wir gerade entwickeln, für die Großstadt nutzt, weil die Reichweite genau dem entspricht, was man im urbanen Bereich benötigt. Wenn man dann aber aus der Stadt herausfährt, zum Beispiel um Urlaub zu machen, bekommt man ein Fahrzeug aus unserem Effizienzprogramm gestellt, das könnte auch ein Diesel sein. Ist der Urlaub zu Ende, gibt man das Fahrzeug wieder ab.


Das ist schon ein radikaler Ansatz: Die Menschen fahren den Großteil des Jahres nur mit kleinen Elektroautos herum. Provoziert das nicht ein Akzeptanzproblem, gerade bei BMW-Kunden?

Bevor wir uns die Fahrzeugarchitektur des neuen Modells überlegt haben, haben wir Kunden befragt. Wir sind in die großen Städte gefahren, haben mit der Zielgruppe gesprochen, sind in ihren Fahrzeugen von der Wohnung zur Arbeit mitgefahren, um zu sehen, was gefällt und was missfällt ihnen, was sind die Wünsche an Automobilhersteller. Wir haben sogar einige Tage bei ihnen zu Hause gelebt, um zu sehen: Wie ist der Lifestyle wirklich? Dort haben wir gelernt, dass Nachhaltigkeit immer mehr im Fokus ist und man von einer Firma wie BMW ganz klar erwartet, dass wir mehr tun als nur ein nachhaltiges Produkt anzubieten. Diese Dinge fließen unser Projekt mit ein.


Definiert sich heute Status neu? Ist nicht mehr das große, schnelle Auto angesagt, sondern das umweltfreundliche?

Wir sind davon überzeugt, dass das Thema Nachhaltigkeit mit zum Premiumanspruch von BMW gehört. Der Kunde erwartet von uns, dass wir auf seine neuen Ansprüche reagieren. Unsere Antwort kann aber nicht Verzicht sein. Ein Punkt, den wir gefragt haben, war nämlich, welche Art von Fahrzeug man sich denn so vorstellt. Ergebnis: Ein Kleinwagen ist es nicht. Von einem Hersteller wie BMW möchte man zunächst mal ein hochqualitatives Auto, das auch ordentlich Spaß macht beim Fahren. Es sollte nicht zu klein sein und es sollte sicher sein.


Wie wird folglich Ihr Megacity-Vehicle aussehen?

Um es auf den Punkt zu bringen: Ein viersitziges Fahrzeug mit einigermaßen attraktivem Kofferraum wäre schon das Richtige. Man fährt ja auch gerne am Wochenende mal raus und nimmt Sportgeräte mit.


Wann kommt das Fahrzeug?

Ich kann Ihnen noch keinen genauen Termin sagen. Wir wissen aber, dass es in der ersten Hälfte dieser Dekade sein wird.


Also spätestens 2015. BMW steht für Sportlichkeit, Luxus, Freude am Fahren. Läuten Sie eine Änderung dieses Markenimage ein?

Nein, das Markenimage ist etwas Wertvolles und wir werden ihm gerecht. Rein von der Physik her hat ein Elektromotor ein hohes Drehmoment bei ganz niedrigen Drehzahlen. Das Fahrzeug ist also sehr spontan, beschleunigt sehr gut, macht viel Spaß zu fahren. Das passt eigentlich perfekt zur Marke BMW, aber auch sehr gut zum Go-Kart-Feeling des Mini.


Einen Mini-E haben Sie als Vorläufer des neuen Elektrowagens schon mal gebaut und lassen ihn gerade von einigen hundert Kunden testen ...

... und wenn Sie den mal Probe fahren, haben Sie ein Lächeln im Gesicht. Ich nutze den Wagen übrigens selbst.


In Urlaub fahren Sie damit aber nicht?

Hier in Bayern liegen die Seen ja alle nah, dafür ist die Reichweite ausreichend.

Wie sieht ein typischer Tag mit dem Megacity Vehicle aus?

Sie haben im Parkhaus oder Ihrer Garage eine Ladestation, sprich: ein Kabel und eine Steckdose. Sie stehen morgens auf, schauen auf Ihrem PDA oder Smartphone, ob die Autobatterie voll geladen ist. Sie können dann die Innenraumtemperatur voreinstellen – das geht bei einem Elektroauto sehr einfach. Sie ziehen den Stecker raus, fahren geräuschlos zur Arbeit oder Einkaufen. Sie sehen auf dem Navi, wo die nächste freie Ladestation ist, falls sie diese brauchen sollten. Menschen, die mit dem Mini-E unterwegs sind, stellen aber überrascht fest, dass die Reichweite für die Fahrten zur Arbeit oder zum Shopping ausreicht und dass die Ladestation zu Hause genügt. Zu Anfang hat man noch die Befürchtung, man müsse an jeder Möglichkeit unterwegs laden, aber nach ein paar Monaten Erfahrung stellt sich heraus, dass man im Schnitt nur ein bis zweimal pro Woche lädt.


Sie zielen mit dem neuen Elektroantrieb auf eine urbane Kundschaft?

Die großen Metropolen der Welt wachsen rasant – es wohnen heute schon mehr Menschen in den großen Städten als auf dem Land. Dafür müssen wir eine adäquate Antwort haben, auf diese Menschen zielen wir mit dem Megacity Vehicle.


Wer werden die Kunden sein – alles Umweltschützer?

Nein, das wird eine ganz weite Zielgruppe: Kunden, die an neuen Technologien interessiert sind, aber auch ganz normale Menschen, die etwas für die Umwelt tun möchten.


Die sich freuen, wenn ihr Auto die immer stärker überfüllten Innenstädte nicht mit Abgasen verpestet?

Das ist bestimmt ein Argument und wird zunehmend auch von Städteplanern vorgegeben. Es gibt aber unterschiedliche Antworten darauf. Das Fahren in der Stadt wird entweder, wie in London, insgesamt mit einer Gebühr belegt – oder Sie zahlen weniger Abgaben, je weniger Emissionen sie produzieren. Darauf reagieren wir heute schon mit unserem Efficient Dynamics Programm, aber das wäre mit einem Elektrofahrzeug dann natürlich gar kein Problem mehr.


Billig wird das nicht ...

Stimmt, die Batterien sind noch recht teuer. Am Anfang einer neuen Technologie sind die Preise meistens hoch. Wir gehen aber davon aus, dass das auch politisch gewollt ist, und dass die Kunden es möchten, so dass im Markt für Elektrofahrzeuge schnell mehr Volumen entsteht und der Preis immer schneller nach unten gehen wird. Man muss jetzt beginnen, um möglichst schnell in die höheren Stückzahlen zu kommen.


Ihr „Project I“ ist ein ambitionierter Think Tank – wo sind Sie im Konzern angesiedelt, wie stellt man sich das praktisch vor?

Wir sind über unseren Vorstandsvorsitzenden angehalten, Dinge zu hinterfragen und neu zu erfinden. Wir sind zu Anfang 2008 relativ klein gestartet. Das Team wächst, wir sind mittlerweile 180 Leute. Wir sind eingebettet in die Organisation von BMW – wo immer wir Experten brauchen, können wir diese aus dem Netzwerk auf die Leute zugreifen.


Zuletzt hieß es in der Presse: Auch BMW muss sparen, aber beim Project I gebe es keine Einschnitte.

Zum Budget kann ich Ihnen nichts sagen. Nur so viel: Wir arbeiten an der Zukunft und an der Zukunft wird nicht gespart.