Welt am Sonntag

"Beim Schreiben schäme ich mich"

Der erste Roman über den 11. September stammt von einem Skandalautor. Frédéric Beigbeder über Politik, Pornografie und schwarzen Humor

Erschienen:

  • 22. Februar 2004
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WELT am SONNTAG: Herr Beigbeder, vermutlich müssen wir zunächst über Sex sprechen.

Frédéric Beigbeder: Ich schreibe nicht nur über Sex.

WamS: In Ihrem aktuellen Buch hat ein Pärchen Geschlechtsverkehr im brennenden World Trade Center.

Beigbeder: Der Angriff am 11. September galt nicht nur diesem Symbol amerikanischer Finanzmacht, sondern allen Werten der westlichen Kultur: Sexuelle Freizügigkeit, berufstätige Frauen und so weiter. Darum geht es in dieser Szene. Zu beschreiben, dass Menschen Leidenschaft empfinden, während sie sterben, ist eine Fantasie. Eine schrecklich pervertierte pornografische Szene.

WamS: Sie sind ein unverbesserlicher Provokateur. Bekannt wurden Sie mit Ihrem Roman „39.90“ über koksende, moralisch verwahrloste Werber.

Beigbeder: Ich verstehe überhaupt nicht, warum irgendjemand ein Buch schreiben möchte, das nicht schockiert. Das Medium stirbt, weil niemand mehr liest. Wir müssen die Menschen aufwecken. Alle Bücher, die ich liebe, waren zu ihrer Zeit skandalös: „Lolita“ von Nabokov, „Elementarteilchen“ von Michel Houellebecq, „Lady Chatterley’s Liebhaber“, Joyces „Ulysses“…

WamS: Imposante Reihe, in die Sie sich da stellen.

Beigbeder: Ich bin nicht Nabokov. Aber es gibt so viele schockierende Dinge in der Welt und der 11. September gehörte dazu. Es ist wichtig, über wichtige Dinge zu schreiben.

WamS: Noch mal: Mussten Sie dabei pornografisch werden?

Beigbeder: Da es keinen Gott mehr gibt, ist Genuss das einzige Ziel, das den Menschen bleibt. Die zentrale Frage all meiner Bücher lautet: Macht uns Hedonismus glücklich? Ich glaube nicht.

WamS: Viele Amerikaner hat Ihr Buch brüskiert.

Beigbeder: Ich habe als Schriftsteller die Freiheit, auch über hässliche Dinge zu schreiben und die Monstrosität unseres Lebens. Die Menschen wiederum haben ja die Freiheit, das nicht zu lesen. Wenn Sie dieses Buch zu schockierend finden, kaufen Sie doch ein anderes.

WamS: Mehr als zwei Jahre nach dem 11. September, nach Dokumentationen, Analysen und einem Theaterstück nun Ihr Buch. Zu spät?

Beigbeder: Das ist lustig. Manche finden, das Buch komme zu früh, andere es sei zu spät. Die Literatur hat sich dieser Story bislang jedenfalls noch nicht angenommen. Amerikanische Schriftsteller haben Angst damit zu schockieren oder obszön zu wirken. Das World Trade Center ist für sie ein Tabu, ein heiliger Ort. Und sie wollen die Opfer mit Respekt behandeln.

WamS: Ihnen ist das fremd?

Beigbeder: Nein, ich habe mich beim Schreiben geschämt und mich schuldig gefühlt aber es ist auch eine große Versuchung für einen Erzähler, denn es gibt nicht viele Geschichten wie diese. Das World Trade Center ist die Titanic des 21. Jahrhunderts.

WamS: Sie interessierten sich immer schon für kapitalistische Exzesse: Marken, Drogen, Prostitution …

Beigbeder: In meinen früheren Büchern habe ich das System kritisiert und gleichzeitig beschrieben, wie es funktioniert

WamS: … wie die Werbebranche …

Beigbeder: … genau. Heute empfinde ich immer noch Ekel vor dem System, aber als es am 11. September angegriffen wurde, musste ich den Widerspruch akzeptieren, dass ich doch nicht alles hasse, was die Attentäter zerstören wollten. Ich möchte die Freiheiten, die unser westliches System bietet, auch verteidigen.

WamS: Sie haben Ihre Liebe zum Kapitalismus entdeckt?

Beigbeder: Eher meine Schizophrenie. Viele Leute haben gesagt: Vielleicht haben die Attentäter Recht. Vielleicht sind wir dekadent und unser System stirbt. Das hätte früher auch von mir stammen können. Aber es gibt Dinge, für die es sich zu kämpfen und zu sterben lohnt: Wie neulich mit meinem deutschen Kumpel im Porsche fahren und dabei Champagner auf meine Gucci-Schuhe verschütten.

WamS: Sie sind endlich mit dem Hedonismus versöhnt?

Beigbeder: Nein. Die kommunistische Utopie starb 1989, die kapitalistische im Jahr 2001. Niemand träumt doch heute noch davon, wahnsinnig viel Geld zu verdienen. Ja, wir mögen Luxus, aber er wirkt etwas lächerlich und absurd.

WamS: Geht das konkreter?

Beigbeder: Betrügerische Konzerne wie Enron, Parmalat oder Vivendi haben uns gezeigt, dass wir den Business-School-Absolventen mit den teuren Schuhen völlig zu Unrecht vertraut haben. Alles ist eine große Lüge, ein Witz. Darum spreche ich vom cartesianischen Zweifel, der alle westlichen Länder befallen hat – auch die USA. Der 11. September ist das Symbol dafür.

WamS: Und doch schreiben Sie nicht zuletzt gegen den Antiamerikanismus Ihrer Landsleute an.

Beigbeder: Es ist immer dumm, das Wort „Anti“ vor ein Land zu setzen. Man kann die amerikanische Regierung Furcht einflößend finden, aber die USA sind auch das Land der Freiheit, der Toleranz. Es gibt dort viele Künstler, die viel subversiver sind als die europäischen.

WamS: An wen denken Sie?

Beigbeder: Amerikanische Schriftsteller kritisieren ihre jüngste Geschichte, Philip Roth schrieb über die Lewinsky-Affäre – wer hat in Frankreich über Chirac geschrieben? Franzosen schulmeistern die ganze Welt, aber sind weniger frei als die Amerikaner. Das macht mich so wütend.

WamS: Was halten Sie vom aktuellen Kopftuchverbot in Frankreich?

Beigbeder: Finde ich für staatliche Schulen richtig. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe viele muslimische Freunde und bin zum Beispiel dafür, dass die Türkei schnell in die EU aufgenommen wird. Das Land zeigt, dass eine muslimische Demokratie mit sexy Mädchen auf der Straße möglich ist. Istanbul sollte die Hauptstadt Europas werden.

WamS: Aus Frankreich kommt immer wieder mutige Literatur. Sie selbst waren mit Michel Houellebecq und Catherine Millet Teil eines viel besprochenen Skandaltrios.

Beigbeder: Ich bin sehr gut mit Michel befreundet und bewundere ihn sehr. Catherine Millet schreibt eigentlich keine Literatur. Aber es ist wichtig, dass es so etwas gibt.

WamS: Aus historischem Interesse?

Beigbeder: Genau. Eine Frau aus den 70ern erzählt von sexueller Freiheit, die meine Generation wegen Aids nie kannte.

WamS: Sehen Sie sich eigentlich als politischen Schriftsteller?

Beigbeder: Ach, in Interviews ist es ja immer leichter, über Politik zu sprechen als über Stil oder Satzbau. Dabei habe ich dieses Thema nicht aus politischen, sondern ästhetischen Gründen gewählt.

WamS: In Österreich scheint aber gerade ein Skandal um Ihr Buch zu entstehen…

Beigbeder: Ja, ein Magazin schrieb vor ein paar Tagen sinngemäß: Beigbeder vergleicht den 11. September mit dem Holocaust.

WamS: Tatsächlich nennen Sie das Restaurant im World Trade Center eine „Luxusgaskammer“ und schreiben, seine Gäste wurden vergast „wie in Auschwitz“.

Beigbeder: Darf ich das erläutern?

WamS: Bitte.

Beigbeder: Auschwitz ist eine einmalige Tragödie, die mit nichts verglichen werden kann. Was am 11. September geschah, ist eine neue Art des Massenmordes, beinahe des Völkermordes.

WamS: Ich fürchte, Sie machen es gerade noch schlimmer…

Beigbeder: Natürlich gab es nicht so viele Tote wie in Ruanda oder im Holocaust. Aber die Terroristen töteten Zivilisten nicht wegen ihrer Religion oder Herkunft. Es ging nur um die Arbeitsstätte. Das ist ein neuer Faschismus.

WamS: Sie vereinfachen stark.

Beigbeder: Ja, vielleicht weil ich Englisch spreche. Im Französischen bin ich viel komplizierter.

WamS: Gerade Ihre Art, Sätze wie Slogans zu formulieren, trägt doch zu Ihrem Erfolg bei. „Der Tod ist besser als Viagra“ heißt es im neuen Buch oder „Dieser Roman benutzt die Tragödie als literarische Krücke“.

Beigbeder: Ich mag es, wenn Prosa leicht zu lesen ist und man sich gut an Sätze erinnert.

WamS: Früher haben Sie als Werbetexter gearbeitet.

Beigbeder: Klar ist mein Stil von der Werbung beeinflusst. Ich mag sexy Worte. Ich mag Witze. Diesmal ist es eher schwarzer Humor. Vielleicht ist das nicht gut. Vielleicht sollte ich den Mut haben, langweilige Bücher zu schreiben.

Das Gespräch führte

Markus Albers