Welt am Sonntag

Besuch im pädagogischen Paradies

Dank ganztägiger Gesamtschulen sind Finnlands Schüler die besten Europas. Deutsche Besucher pilgern zum nordischen Nachbarn, um das Bildungswunder zu verstehen.

Erschienen:

  • 9. Juni 2002
finnland.jpg

Ach, die Deutschen schon wieder. Mit denen gehen sie inzwischen ganz routiniert um. Die SPD und der Bayerische Rundfunk waren schon da, die hessische Kultusministerin und der baden-württembergische Staatssekretär. Dass all diese wichtigen Menschen aus dem größten EU-Land zu ihnen kommen, um zu staunen, macht die Lehrerinnen und Schüler von Vantaa ziemlich stolz.

Heute begrüsst Deutschlehrerin Sirpa Rönka eine Delegation aus Schleswig-Holstein – Politiker der Grünen. Erklärt, dass schon Erstklässler so genannter Sprachbad-Klassen in der Fremdsprache unterrichtet werden. Die Grünen schauen beeindruckt, wandern in den nächsten Klassenraum weiter. Rönka zwinkert verschwörerisch: „Vielleicht bekommen wir bei all diesem Besuch ja extra Geld vom Ministerium.“

Seit Finnland bei der Pisa-Bildungsstudie so viel besser abgeschnitten hat, reißt der Tross neugieriger deutscher Politiker und Journalisten nicht ab. Sie schieben sich durch Schulen, löchern Lehrer, nehmen Kinder ins Kreuzverhör. Diskutieren zwischendurch beim Rentiersteak, was sich denn nun, bitte schön, daraus lernen lasse.

Beim europaweiten Vergleich der Schülerleistungen lag das kleine Finnland in den wichtigen Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften auf vordersten Plätzen, Deutschland war weit abgeschlagen (siehe Grafik unten). Nach dem Schock kam die Neugierde: Was machen die Finnen besser? Also wurden erst mal jede Menge Tickets nach Helsinki gebucht. Nachsehen, wie das nordische Bildungswunder in natura ausschaut.

Das Ergebnis ist eine Mischung aus euphorischem Erkenntnisschwindel und gesteigerter Ratlosigkeit. Ja, an finnischen Schulen sieht alles ganz hervorragend aus. Schlaue Schüler, motivierte Lehrer. Aber der einfache Königsweg zu diesem pädagogischen Wunder, der ist auch vor Ort nicht zu finden. Stattdessen viele Wege – was vermutlich spannender ist. Doch der Reihe nach.

Rainer Domisch steht am Hauptbahnhof von Helsinki und wartet. Der grauhaarige Mitfünfziger hat eine Aktentasche in der Hand. Vielleicht, weil das bei Beamten so üblich ist, vor allem aber, damit ihn die Besucher in der wuselnden Menge erkennen. Es ist acht Uhr morgens, um ihn herum greifen sich junge Finnen auf dem Weg zur Arbeit einen „Cappuccino to go“.

Die Sonne scheint bereits kräftig, sie geht hier um diese Jahreszeit nur für etwa vier Stunden unter. Der helle finnische Sommer macht allen Menschen phantastische Laune. Auch Rainer Domisch lächelt beim Reden fast ununterbrochen, aber das mag an seiner freundlichen Art liegen. Oder eben am Stolz, schon wieder staunenden Deutschen die Erfolge seiner Behörde präsentieren zu dürfen. Domisch arbeitet beim Zentralamt für Bildungswesen, das für den Pisa-Erfolg der Finnen verantwortlich ist. Heute trifft er die Grünen, um mit ihnen eine Schule zu besuchen. Er hebt seine Aktentasche: zum Bahnsteig hier entlang.

Mit dem Regionalzug geht es in den Vorort Vantaa. Auf der Fahrt erklärt Rainer Domisch schon mal die seiner Meinung nach größten Vorzüge des finnischen Bildungssystems. Der Deutsche war ursprünglich als Lehrer im Auslandsdienst nach Finnland gekommen, kümmert sich im Zentralamt um die Fortbildung von Deutschlehrern. Er kennt beide Systeme und gibt dem deutschen verheerende Noten.

Für ihn ist der finnische Erfolg das Ergebnis vieler Faktoren. Erster Punkt: „Finnland hat die Schulaufsicht abgeschafft.“ Die einzelnen Schulen haben weit gehende Budget-Hoheit. Diese Autonomie motiviert Lehrer. Sie entscheiden selbst, ob sie einen weiteren Sonderpädagogen beschäftigen wollen oder nicht. Zweitens: „Finnland betreibt seit Jahren eine regelmäßige Evaluation der Lehre, ähnlich der Pisa-Studie.“ Jedes Jahr wird getestet, was die Schüler gelernt haben. Jede Schule erfährt ihr Ergebnis im Vergleich zum Landesdurchschnitt, weiß also, wo sie die Lehre verbessern muss.

Domisch unterbricht seinen Vortrag, denn der Zug hält in Vantaa. Der Schulkomplex liegt direkt am Bahnhof – eine weitläufige, aber gesichtslos einheitswürfelige Beton-Konstruktion – gefällige Architektur ist offenbar nicht der Grund, dass die finnischen Schüler so gut sind. Dann schon eher die freundlichen Lehrer. Schulleiterin Sari Laurivuori-Taivola und Deutschlehrerin Sirpa Rönka wirken herzlich und engagiert, was nicht nur am Besuch liegen dürfte.

Sie führen die Deutschen durch verschiedene Arbeitsräume. Im ersten werden Physik, Chemie und Biologie anschaulich anhand praktischer Experimente vermittelt. „Die Schüler bauen zum Beispiel Autos aus Metallteilen“, erzählt Rönka. Finnlands Pisa-Ergebnisse in Naturwissenschaften waren hervorragend. Im nächsten Raum lernt eine „Sprachbad“-Klasse Geographie. Die Kleinen sind zehn Jahre alt, Unterrichtssprache ist Deutsch. Ein Zimmer weiter gibt eine Spezialkraft Finnisch-Nachhilfe für ausländische Kinder.

Eine Schule wie ein Adventskalender: Hinter jeder Tür verbirgt sich eine pädagogisch vorbildliche Überraschung. Im Computerraum lernen die Kinder mit neuester Technik. Der 13-jährige Henri Pekkarinen hat im Internet über Japan recherchiert und eine Präsentation mit dem Programm „Powerpoint“ gestaltet – eine Profi-Software, mit der mancher deutsche Manager nicht umgehen kann. Die Lehrerin findet die Frage nach Video-Games arg penibel: „Wenn die Kinder zwischendurch am Rechner spielen, lernen sie dabei auch was.“

Hinter der nächsten Tür besprechen sich Sonderpädagogen und Schulpsychologen, die in Finnland direkt an den Schulen angestellt sind. Schwierige Kinder gibt es natürlich auch hier, aber weil die sofort eine spezielle Betreuung bekommen, verlieren sie selten den Anschluss an den Klassenverband. Private Nachhilfe außerhalb der Schulen ist in Finnland unbekannt.

Überhaupt scheinen die deutschen Besucher in eine unwirklich heile Schulwelt geraten zu sein. Jedes Mitglied des Kollegiums bildet sich pro Jahr mindestens eine Woche lang fort, um auf dem Laufenden zu bleiben. Die Schüler nehmen freiwillig an den vielen Theater- und Musik-Angeboten teil und behandeln die Einrichtung pfleglich – anders als an deutschen Schulen ist hier keine Wand mit Graffiti bemalt, finden sich auf keinem Tisch eingeritzte Botschaften. Schüler und Lehrer duzen sich, das Klima wirkt entspannt und freundschaftlich.

„Bei uns fällt kein Schüler durchs Raster“, sagt Rainer Domisch. Weil die Kinder neun Jahre lang zur Gesamtschule gehen – 60 Prozent dann gemeinsam weiter auf die gymnasiale Oberstufe, der Rest zur Berufsschule –, werden auch Schwache mitgezogen, bleibt fast niemand sitzen. In Deutschlands mehrgliedrigem Schulsystem, sagt Domisch, wüssten Lehrer immer, dass sie schwierige Schüler auf die nächstniedrigere Schulart abschieben können. „In Finnland kann kein Lehrer sagen: Du bist zu dumm für diese Schule. Also wird gefördert.“ Der Pädagoge ist sicher: Dies ändert die Einstellung aller Lehrer grundlegend.

Deutschlands halbherziger Versuch, Gesamtschulen als Alternative einzuführen, lässt er nicht gelten: „Klar, dass das eine Restschule wird, zu der die starken Schüler nicht kommen. Gesamtschule funktioniert nur als Regelschule.“ Und dann offenbar hervorragend.

12.30 Uhr – Mittagessen in der angrenzenden gymnasialen Oberstufe. In Finnland gibt es ausschließlich Ganztagsschulen. „Das gemeinsame Mahl ist sehr wichtig“, sagt Schulleiterin Sinikka Kuusniemi: „Die Kinder üben soziales Verhalten und lernen, was gesunde Ernährung bedeutet.“ Die 18-jährige Kirsi Leppänen sitzt mit am Tisch. Wie die meisten Schüler kann sie nicht genau sagen, warum Lernen in ihrer Heimat Spaß macht und die Kinder gerne zur Schule gehen: „Wir haben ein gutes Verhältnis zu den Lehrern“, bietet sie als Erklärung an, „und viel Freiheit bei der Wahl der Fächer.“

In der finnischen Oberstufe gibt es keine Klassenverbände, sondern ein Kurssystem, ähnlich wie an der deutschen Universität. Schüler wählen nach ihren Vorlieben. Eine Musikgruppe, die regelmäßig übt und auftritt, kann als Kurs anerkannt werden. Gleichzeitig sind harte Fächer wie Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften verpflichtend, am Ende steht ein Zentral-Abitur.

Die Abschlussarbeiten der Schüler werden erst an ihrer Schule, dann noch einmal im Abitur-Prüfungsausschuss von Uni-Professoren in Helsinki benotet. In Deutschland wird dieses Nebeneinander von freier Kurswahl und national einheitlicher Abfrage von Pflichtwissen als unlösbarer Widerspruch begriffen und verworfen. In Finnland funktioniert das System.

Zurück in Helsinki. Yukka Sarjala wischt ein wenig Staub von den Schultern seines perfekt sitzenden dunklen Anzugs, bevor er den Konferenzraum betritt. Der bullige Leiter des Zentralamtes für Bildungswesen will einen ebenso exzellenten Eindruck machen wie die Ergebnisse seiner Arbeit. Also zückt Sarjala seinen ausziehbaren Zeigestab, wirft sich in Positur, startet den Projektor und doziert – auf Finnisch. Ausgerechnet jener Mann, der die Schüler seines Landes vier, häufig gar fünf Fremdsprachen pauken lässt, spricht wenig Deutsch, ungern Englisch.

Ein kleines Defizit, das Sarjala locker mit Charisma wettmacht. Blitzenden Auges donnert er die Prinzipien seiner Schulpolitik in den Raum, Domisch übersetzt: kleine Schulen. Ganztagsbetreuung. Gesamtschule als Regelschule. Schulaufsicht abgeschafft. Eigenverantwortung der Lehrer gestärkt. Jeden Schüler fördern. „Tele-Unterricht per Internet, damit Spezialisten auch in entfernten Regionen lehren können.“

Die Delegation der Grünen lauscht ehrfürchtig. Wenn Sarjala spricht, scheint alles klar, alles einfach. Am Ende bleibt jene merkwürdige Mischung aus Aufbruchstimmung und Fatalismus, die so ähnlich jeden deutschen Besucher erfassen dürfte.

„Die Finnen haben 20 Jahre gebraucht, um ihr Schulsystem zu reformieren“, sagt Lars Schmidt, Mitglied des Grünen-Landesvorstandes: „Dafür gibt es in Deutschland keine Mehrheiten.“ Die Gruppe sitzt abends beim Bier in einer Bar, die den finnischen Regisseur-Brüdern Aki und Mika Kaurismäki gehört. An der Decke hängt eine überlebensgrosse Lenin-Statue, aus den Boxen scheppert Hardrock. Der junge Politiker hat Feuer gefangen. Zurück in Deutschland will Schmidt seine Landespartei überreden, nach finnischem Vorbild die Abschaffung der regionalen Schulaufsicht zu fordern: „Wir brauchen keine Schulräte.“

Der finnische Fotograf Matti Matikainen, der den ganzen Tag dabei war, hat eine eigene Theorie zum Pisa-Erfolg seiner Landsleute: Vieles läge an der freundlichen und stillen Mentalität der Menschen. „Wir lernen diszipliniert, statt die Schuleinrichtung kaputtzumachen. Finnen lieben die Harmonie.“ Dann will der vollbärtige Hüne Wodka-Mix-Rezepte austauschen und von seinem letzten Sauna-Erlebnis erzählen, bei dem angeblich alle so lange tranken, bis sie ohnmächtig wurden. Lustige Geschichte, die Matti in bemerkenswert perfektem Englisch zum Besten gibt. Er war auf einer finnischen Schule. Da lernt man so etwas.