Welt am Sonntag

Computerspiele macht hier niemand

Nach dem Pisa-Desaster will die Regierung massiv in Ganztagsschulen investieren. Funktioniert das Konzept? Ein Ortsbesuch

Erschienen:

  • 16. März 2003
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Der kleine Jeffrey spielt nachmittags am liebsten Fußball, Emre Kavurur mag den Speedhockey-Tisch und Layla Al-Sayhan kümmert sich um ihre Barbie-Puppe. Damit sind die neun- und zehnjährigen Kinder noch vergleichsweise aktiv – die kleineren legen sich nach dem Mittagessen ins Bett und schlafen erst mal eine Runde.

Sie alle werden dabei nicht von ihren Eltern versorgt, sondern von Lehrern und Erziehern, denn sie gehen auf die Berliner Grundschule in der Köllnischen Heide, und die ist eine gebundene Ganztagsschule. Alle Schüler bleiben hier von acht bis 16 Uhr, jeden Tag. „Und sie bleiben gern“, sagt Astrid Sabine Busse und schaut stolz.

Sie ist die Schulleiterin, darum muss sie so etwas wohl sagen. Allerdings wirkt alles hier, als habe sie schlicht Recht. Obwohl die Schule im Stadtteil Neukölln mit über 70 Prozent Ausländeranteil zurechtkommen muss, wandert der Besucher durch ein pädagogisches Paradies: Es ist fast unnatürlich ruhig in den Gängen, obwohl viele Türen offen stehen, Kinder zwischen Klassen und Freizeiträumen hin- und herlaufen. An den Wänden keine Graffiti, auf dem Boden kein Stück Papier.

Die Kinder erzählen beim Mittagessen fröhlich von freundlichen Erziehern, tollen Spielmöglichkeiten, und alle sagen, dass sie nachmittags gern hier sind. Was würden sie in der Zeit zu Hause machen? Pause, nachdenkliche Gesichter: „Fernsehen“ sagt Layla. Klingt nicht als würde sie das vermissen. Im Freizeithaus der Schule gibt es übrigens neben Tischfußball, Dunkelkammer und Nähstube ein TV-Gerät, das die älteren Kinder benutzen dürfen. Es ist mit einem Stück Stoff verhängt und sieht aus, als wäre es schon länger nicht in Betrieb gewesen. Computerspiele macht hier niemand.

In letzter Zeit hat Frau Busse viel damit zu tun, Besuchergruppen durchs Haus zu führen. Andere Berliner Schulen schicken Delegationen, sie schauen sich diese so gut funktionierende Ganztagsschule an, denn sie wollen selbst eine werden. 30 zusätzliche soll es bald in Berlin geben, gefördert mit Bundesmitteln (siehe Kasten). Ob alle so schön werden, so stimmig und so erfolgreich ist ungewiss. An Busses Schule kommen 45 Lehrer und 40 Erzieher auf 450 Schüler – ein nahezu ideales Verhältnis. So viel Platz, ein so durchgehend an die Situation gewöhntes Lehrer-Kollegium, ein so üppig besetztes Erzieher-Team und so viele über die Jahre angeschaffte Freizeitgerätschaften wird keiner der Neulinge haben. Trotzdem ist der Andrang groß – um die 30 Fördertöpfe wird es erheblichen Wettbewerb geben.

Ein aussichtsreicher Bewerber ist vermutlich die Carl-Krämer-Grundschule in Wedding. Rektorin Christine Frank-Schild steht ihrer Neuköllner Kollegin in Sachen Energie und Kommunikationswillen in nichts nach. Heute ist der Schulausschuss zu Besuch – er soll von der Eignung der Schule zum Ganztagsbetrieb überzeugt werden, und so führt Frank-Schild die tapsende Horde Volksvertreter durchs Gebäude, deren Mitglieder sich träge in jeden Sessel plumpsen lassen, der in Sicht gerät, und sich nur widerwillig von der agilen Schulleiterin antreiben lassen.

Deren Vortrag macht dennoch Eindruck: Schon jetzt versuche man an ihrer Schule, mit musischen Angeboten und modernen Computerräumen den Problemen entgegenzuwirken, die der hiesige Kiez nun mal mit sich bringt: Der Ausländeranteil beträgt an der Carl-Krämer- Schule sogar 85 Prozent, viele Kinder kommen aus Familien, in denen Bildung wenig bedeutet. Lehrer Rolf Gravenkamp erzählt die Anekdote jenes Vaters, der die Anschaffung eines Buches für sein Kind mit den Worten ablehnte: „Sie hat doch zwei und eins davon sogar schon gelesen.“ Rektorin Frank-Schild wehrt sich dennoch dagegen, ihre Schüler als „schwierig“ bezeichnen zu lassen. „Die haben es schwer. Das ist etwas ganz anderes.“ Da versteht sie keinen Spaß. Sie will den jungen Menschen eine Perspektive eröffnen, die sie ohne Bildung nicht hätten. Ihre Logik ist so schlicht wie bestechend: „Je mehr Zeit sie in der Schule verbringen, desto mehr Deutsch sprechen sie und desto mehr können sie lernen.“ Wo, wenn nicht in diesem Einzugsgebiet, sei eine Ganztagsschule sinnvoll? Ihre Lehrer hat sie auf Kurs gebracht, da sei kein Widerstand zu erwarten.

Doch auch die Probleme, die es für die künftigen Ganztagsschulen geben wird, zeigen sich hier deutlich: Im Vergleich zum weitläufigen Gelände, das Astrid Sabine Busse ihren Schülern bieten kann – inklusive eigenem Freizeithaus –, muss sich Christine Frank-Schild Gedanken um jeden Raum machen. Sie wird die Schülerzahl beinahe halbieren müssen, um Platz für Spiel- und Lesezimmer, Duschen und Aufenthaltsräume zu schaffen. Soll sie die Lehrküche zur Kantine umfunktionieren? Viele Fragen sind noch zu klären.

Die Bundesmittel werden gerade mal für die Umbauten reichen. Die zusätzlichen Personal- und Betriebskosten muss das Land aufbringen. Und das wird nicht wenig, wie Astrid Sabine Busse weiß: „Wenn die Schüler länger da sind, braucht man von allem mehr – sogar Toilettenpapier“, gibt sie zu bedenken. Den größten Posten dürfte aber jenes Personal ausmachen, das die Ganztagsschule zu einer kleinen pädagogischen Revolution macht: Erzieher – teils Sozialpädagogen –, die den Lehrern zur Hand gehen.

Mirjana Telalbasic leitet diese Truppe an der Neuköllner Grundschule. Sie sitzen häufig mit in den Klassen, picken verhaltensauffällige Kinder heraus, mit denen sie später Einzelgespräche führen. Sie organisieren aber auch das Freizeitprogramm, besorgen lebende Mäuse oder Schlittschuhe, planen Ausflüge, schneidern Kostüme für Halloween. Die Lehrer nennen – auf den wichtigsten Unterschied zur Regelschule angesprochen – durchgehend „die Erzieher“, die ihnen Betreuungs-Arbeit abnehmen. Konkurrenz sieht in den zusätzlichen Kräften keiner, stattdessen ist viel die Rede von „Teamwork“ und „sich ergänzen“.

Die Kinder an der Neuköllner Ganztagsschule kennen den Unterschied zwischen Lehrern und Erziehern genau, auch wenn ihnen kein Urteil darüber zu entlocken ist, welchen Berufszweig sie lieber mögen. Für sie ist die Sache ganz einfach: „Mit den Erziehern spielen wir“, sagt Layla, „die Lehrer geben Noten.“