Welt am Sonntag

Das Ende der Evolution

Werden wir immer schöner, gesünder, dümmer? Nehmen wir unsere Zukunft selbst in die Hand? Verblüffende Antworten von Experten

Erschienen:

  • 28. September 2003
evolution.jpg

Was die Sache mit den Haaren angeht, sieht es für Mark Stonekings Gene gut aus. Mit seinem schwarzen Vollbart und Strubbelkopf ist der Evolutionsbiologe aus Leipzig laut eigener Theorie perfekt für die Zukunft gerüstet: Denn obwohl wärmende Körperbehaarung dem modernen Menschen eigentlich gar nichts mehr nützt, sagt er, werden auch künftige Generationen wohl ein dekoratives Büschel auf dem Kopf tragen: Das finden fortpflanzungswillige Menschentiere vom anderen Geschlecht nämlich meist anziehender, und darum sorgt die sexuelle Selektion wohl auch in fernen Zeiten für den Erhalt der pelzigen Pracht.

Wie der Mensch der Zukunft aussieht, welche Fähigkeiten und Eigenschaften er haben wird, fragen sich Forscher immer wieder. Anders als die Macher von Science-Fiction-Filmen, die zwischen glibberigen Aliens und cleveren Robotern stets Humanoide agieren lassen, die verlässlich genauso aussehen wie heutige Menschen, wissen vor allem Biologen: Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, und die Evolution ist für ihn nicht vorbei.

„Die Geschwindigkeit der menschlichen Evolution hat sich verlangsamt, denn wenn sich die Umwelt verändert, reagieren wir darauf kulturell“, so Stoneking, ein Amerikaner, der seit 1999 am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie arbeitet: „Wird die Ozonschicht dünner, entwickeln wir keine dickere Haut, sondern schützen uns mit Kleidung und Sonnenschutzmitteln.“

Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer, der ein Buch zum Thema herausgegeben hat, sieht den Wendepunkt im christlichen Gebot der Nächstenliebe, sich um Kranke und Schwache zu kümmern. Seitdem hilft sich der Mensch im Kampf ums Dasein gegenseitig. Fischer: „Wir warten nicht auf die Lösung der Evolution, wir machen die Lösung selbst.“

Zumindest in den westlichen Industrienationen werden also dank Kulturtechniken wie Sozialfürsorge oder Medizin nicht mehr die körperlich Schwächsten durch Gewalt und Krankheit aussortiert. Trotzdem bleiben genügend Selektionsfaktoren wie Mikroben und Parasiten, die dem modernen Menschen das Leben schwer machen.

Deshalb bleibt unser Genom in ständiger Bewegung. So sind einige Menschen dank zufälliger Mutation resistent gegen Malaria. Quasi als Nebenwirkung haben sie dummerweise Sichelzellen-Anämie. Für Mark Stoneking dennoch ein Beweis, dass sich auch der hoch zivilisierte Mensch weiterentwickelt.

Vor allem Infektionskrankheiten sind der Motor der Evolution. So gibt es in menschlichen Zellen einen Rezeptor, ohne den das Aids-Virus nicht angreifen kann. Doch die Häufigkeit von Mutationen, die diesen Rezeptor ausschalten, nimmt in Europa zu. Stoneking: „Wenn wir keinen Impfstoff gegen Aids entwickeln, wird sich die Evolution darum kümmern.“ Eines Tages sind wir dann gegen die Immunschwächekrankheit immun.

Unser zukünftiges Äußeres bestimmt am stärksten die sexuelle Selektion. Studien zeigen, dass Menschen symmetrisch aussehende Durchschnittsgesichter bevorzugen. Auch Mischlinge werden als attraktiver empfunden. „Es kann also sein, dass die Menschen sich mit der Zeit immer ähnlicher sehen“, so Stoneking.

Wie das künftige Erscheinungsbild des Menschen sein wird, darüber orakeln Fachleute gern. „Wir werden schöner sein und weniger schlau. Kurz gesagt: Die Zukunft ist Kalifornien“, fasste kürzlich die „New York Times“ Ergebnisse eines Expertenkongresses zusammen, an dem auch Stoneking teilnahm.

Zumindest für die vermutete Zunahme der Schönheit gibt es gute Gründe. Schließlich, so der britische Forscher Mark Pagel, suchen wir unsere Sexualpartner nicht mehr wie früher im heimischen Dorf: „Heute kommt jeder infrage, den wir im Internet auftreiben“ – und dank erschwinglicher Fernreisen gleich mal mit romantischen Absichten besuchen können.

So würden sich die Gene von als schön empfundenen Menschen durchsetzen. Große Populationen mit vielen zufälligen Partnerschaften, wie sie die globalisierte Welt ermöglicht, gelten vielen Forschern als ideale Voraussetzungen für eine schnelle Veränderung der Gene.

Der Konstanzer Evolutionsbiologe Axel Meyer hält von solchen Prognosen nicht viel. Viel zu wechselhaft seien die Sprünge der zufälligen Mutationen, die Evolution erst ermöglichen: „Das Denken einer zielgerichteten Evolution widerstrebt mir. Zu viele Entwicklungen sind zufällig.“ Immerhin auf eine Voraussage lässt er sich ein: Die Menschen werden größer. In Holland hat der Nachwuchs in den letzten 30 Jahren um zehn Zentimeter zugelegt. „Die Unis müssen alle Hörsäle umbauen, weil die Beine der Studenten zu lang sind“, so Meyer, und das liege nicht nur an der guten Ernährung der Kinder.

Die menschliche Evolution ging verblüffend schnell voran. Vor nur etwa fünf Millionen Jahren lebten noch gemeinsame Vorfahren von Mensch und Schimpanse. Seitdem ist unser engster lebender Verwandter ein ganz ordinärer Affe geblieben, der Mensch aber ein ziemlich wunderlicher geworden. Vor 50 000 Jahren hat unsere Evolution noch einmal einen Spurt hingelegt. Zu dieser Zeit haben wir die Sprache perfektioniert, erstmals künstliche Objekte hergestellt und sind von unserer Heimat im nordöstlichen Afrika aus in die Welt gezogen.

Bis heute gilt das darwinsche Prinzip des „Survival of the Fittest“ für den Menschen – wenn auch eingeschränkt – weiter. Nur stellt inzwischen statt körperlicher Überlegenheit eher soziale Intelligenz einen Überlebensvorteil dar. Stoneking: „Man muss nicht mehr in der Lage sein, zu jagen oder Feinde zu töten, um seinen reproduktiven Erfolg zu garantieren.“ Ob wir deshalb in Zukunft friedlicher werden, bezweifelt der Forscher allerdings. Das Geschäftsleben erinnert ihn zu sehr an Kriegsführung: „Wir kanalisieren unsere Aggressionen nur in andere Bereiche.“

Warum behauptet die „New York Times“, wir würden in Zukunft nicht nur schöner, sondern auch dümmer? Hintergrund dieser polemischen Zuspitzung ist eine Behauptung aus den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Brite Ronald Fisher, einer der Gründerväter der Evolutionsbiologie, verkündete, was heute mindestens als politisch unkorrekt gilt: Während die für Intelligenz zuständigen Gene innerhalb sozialer Klassen aufwärts wanderten, hätten Menschen mit geringerem sozialen Status mehr Kinder. Auf die gesamte Population gesehen benachteilige die Evolution also Gene, die für Kreativität und Intelligenz stehen.

Auch wenn diese These heutigen Forschern schon deshalb suspekt ist, weil sie der nationalsozialistischen Eugenik als Argument diente, wurde sie nie theoretisch widerlegt. Doch unter Experten ist die Frage inzwischen umstritten, was eigentlich Intelligenz ist. In jedem Fall hat sie wohl mehr mit Bildung als Veranlagung zu tun.

Der US-Forscher Lee Silver glaubt immerhin, dass wir künftig nicht klüger werden: „In industrialisierten, demokratischen Gesellschaften haben schlaue Menschen nicht mehr Kinder als weniger schlaue. Natürliche Selektion funktioniert aber nur über einen Reproduktionsvorteil. Intelligenz und Kreativität gewähren den nicht.“

Kein Problem für den radikalen Utopisten Silver, der die natürliche Selektion sowieso „unethisch“ findet. Für den Autor des Buches „Das geklonte Paradies“ gibt es „keinen Grund, das derzeitige, zufällige genetische Roulette zu bewahren“ (siehe Interview unten). Geht es nach Silver, werden die Menschen künftig ihre Evolution selbst in die Hand nehmen. Zunächst per informierter Partnerwahl, später mithilfe ausgefeilter Gentechnologie, die es ermöglichen soll, dem Nachwuchs gezielte Eigenschaften mit auf den Weg zu geben.

Ein Szenario, das die schrecklich schöne neue Welt aus Science-Fiction-Filmen wie „Gattaca“ wahr werden ließe. Oder die Befürchtungen des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq, in dessen Romanen die elementare Ungerechtigkeit freier Partnerwahl im Zuge der sexuellen Revolution nur durch Klontechnik behoben werden kann. Auch die optimistischen Visionen des Philosophen Peter Sloterdijk, der für seine Idee vom künftigen Züchten eines „Menschenparks“ viel Kritik erntete, scheinen nach einem Gespräch mit Lee Silver nicht mehr so unwahrscheinlich.

Schon heute, so der Professor an der Universität Princeton, suchten Amerikaner per Zeitungsannonce nach Samenzellen von Nobelpreisträgern und Eizellen von Spitzensportlerinnen. Axel Meyer sieht darin nur den nächsten logischen Schritt sexueller Selektion: „Wir haben schon immer Kulturpflanzen und Haustiere gezüchtet. Auch unsere Partnerwahl ist nicht zufällig.“

Ernst Peter Fischer kritisiert an solchen Vorstellungen das maschinelle Bild des Menschen sowie drohende Fehler: Man wisse nicht, ob ein Gen, das im Alter Alzheimer auslöst, nicht in der Jugend wichtige Funktionen erfüllt.

Auch Mark Stonekings Skepsis überwiegt: „Man kann nicht ein Gen ausschalten und dann sagen: O.k., das war’s, nie wieder Krebs.“ Wäre das doch möglich, bräuchte die Gesellschaft ein neues Konzept von Gesundheit und Krankheit. Stoneking: „Sind zum Beispiel mentale Defekte etwas, das repariert werden muss, oder nur Teil natürlich auftretender Variationen?“ Einer der wenigen unstrittigen Punkte in einer an vagen Prognosen und ängstlichen Befürchtungen nicht armen Debatte aber lautet: Ohne solche zufälligen Mutationen, die vielleicht nur auf den ersten Blick wie Fehler aussehen, gäbe es überhaupt keine menschliche Evolution.