Welt am Sonntag

Der schräge Charme Islands

Die Insel war eines der teuersten Reiseländer der Welt – jetzt ist sie günstig geworden. Die Isländer nehmen das gelassener, als man denkt. Die Modeszene blüht nach wie vor.

Erschienen:

  • November 2008

Fotos:

  • PR Spaksmannsspjarir
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Mit entrücktem Gesichtsausdruck steht ein junges Mädchen in düsterer Lavalandschaft. Es trägt ein zartes, rüschiges Kleid, die Haare unter einer weißen Kappe versteckt. Der einzige Farbtupfer in Sicht ist sein knallroter Lippenstift. „Ein tolles Bild, oder?“ sagt die Frau, die sich nur Björk nennt, aber nicht mit der gleichnamigen Sängerin zu verwechseln ist. Diese Björk ist zusammen mit ihrer Partnerin Vala eine der bekanntesten Modedesignerinnen Islands und präsentiert ihre Mode darum stets von Lavafeldern, Gletschern, geheimnisvoll vernebelten Landschaften.

Unter dem unaussprechlichen Namen „Spaksmannsspjarir“ verkaufen die beiden Frauen ihre in erdigen Steinfarben gehaltenen Kollektionen in einem kleinen Laden an Reykjaviks Szenestadtteil 101. Hat die einmalig obskure Landschaft ihrer Heimat die Entwürfe beeinflusst? Oder das raue Wetter, die endlos dunklen Winter?“ Björg könnte jetzt einen eingängigen PR-Spruch absondern, aber sie zuckt nur die Schultern: „Eigentlich nicht. Wir fotografieren unsere Models nur gern in dieser Landschaft, weil sie einen spektakulären Hintergrund abgibt, typisch isländisch aussieht und nichts kostet.“

Wir lernen: Isländer sind unaufgeregt und pragmatisch. Das harte Leben auf einer Insel, wo es selbst im Sommer nie wärmer als 13 Grad wird, die Regenwahrscheinlichkeit permanent gefühlte 100 Prozent beträgt und die Sonne sich das halbe Jahr über nur ein paar Minuten pro Tag zeigt, hat sie ein wenig mürrisch gemacht und wortkarg, aber auch kreativ, feierwütig und eigenständig in ihrer künstlerischen Ausdruckskraft. Es ist ein Klischee, aber es ist auch wahr: In Reykjavik schreibt so ziemlich jeder Bücher, spielt in einer Band oder macht Mode und Schmuck.

„Wir sind eine junge Nation, darum haben wir keine lange Design-Geschichte, keine Stars wie Arne Jacobsen“, sagt Halla Helgadottir, Leiterin des neuen Isländischen Design Center. Aber in den letzten 10 Jahren habe sich eine bestimmte Form des isländischen Designs ausgebildet: „Der Nachwuchs interessiert sich mehr und mehr für die Vergangenheit, nimmt traditionelle Motive auf. Wir haben immer sehr nah an der Natur gelebt, aber jetzt gibt es zum ersten Mal eine Generation, die genügend Abstand zur alten Lebensweise hat und darum mit den Motiven und Techniken ihrer Großmütter experimentieren kann.“

Im Reyjkaviks erstem Design-Kaufhaus Kraum kann man die Ergebnisse dieses Trends besichtigen: auf unebenen Böden rotierende grobe Gläser von Kristin Sigfridur Gardarsdottir, Strickpullover und –Mützen von Farmersmarket, die das klassische – von Norwegerpullovern bekannte – Rautenmuster modern variieren oder Highheels aus Fischhaut von Maria K. Magnusdottir. Hallas Favoriten: Eine lokale Möbelmacherin, die moderne Holzsessel mit traditionellen Blumenornamenten versieht sowie „Sunshine“ – eine Lampe in Form einer Milchkanne, die man tagsüber ans Fenster stellt, damit sie per Solarzellen ihren Akku auflädt und nachts dann Licht abgibt.

Seit der Finanzkrise, die Island besonders schwer traf, ist all das für Urlauber günstiger zu bekommen. Island wurde von einem der teuersten Reiseländer der Welt fast zum Schnäppchen. Früher bekamen Touristen rund 90 Kronen für einen Euro. Inzwischen sind es 282 Kronen je Euro. Ein Bier kostet zwischen 500 und 700 Kronen, vor der Finanzkrise waren das rund sieben Euro, jetzt sind es etwa zwei. Stark gesunken sind auch die Mietwagenpreise, die bei etwa 200 Euro pro Woche liegen. Und die Hotelpreise haben sich mehr als halbiert. Ein Kostenvorteil, der sich vor allem bemerkbar macht, wenn man direkt über das Internet direkt bucht. Island sei ein „Supersparziel für das Weihnachtsshopping“, sagte der Direktor des Fremdenverkehrsamts, David Johansson, und spricht von 60 Prozent mehr Buchungen als noch im Vorjahr. Wer heute Reykjavík besucht, findet sich in einem ungewöhnlichen und bezaubernden Einkaufsparadies wieder, das sehr leicht zu erkunden ist.

Selbst Stop-Over-Touristen können an einem Tag alles erlaufen, denn die wichtigsten Läden und Marken liegen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. Von Kraum aus geht man die Austerstraeti entlang, vorbei am wunderschönen Jugendstilhotel Borg und gelangt bald auf die Bankastraeti. Hier ist nicht nur der Laden von Islands zweitbekanntester Modemarke Spaksmannsspjarir. Direkt daneben hat vor kurzem auch Islands Designstar ihr neues Geschäft eröffnet: Steinunn, so heißt die Dame und auch ihre Marke, hat einige Jahre in New York für große Modehäuser wie Calvin Klein und Gucci gearbeitet. Das ist in Island derart ungewöhnlich, dass es einem jeder Einheimische gleich erzählt.

Steinunn selbst ist kosmopolit und unprätentiös, mag sich sofort mit den Besuchern aus Deutschland in ihrem Laden treffen und verrät das Geheimnis isländischen Designs: „Das schöne an Island ist, dass man nicht so wie in New York von der Modebranche verschluckt wird. Hier ist die Szene klein, nur 40 oder 50 Designer, und darum inspirieren sich alle gegenseitig – auch Musiker und Künstler. In New York hatte ich weder Kontakt zur Kunst- noch zur Modeszene – hier treffe ich diese Menschen jeden Tag auf der Straße.“ Bei ihrer letzten Modenschau hat Steinunn Musik von Sigur Ros verwendet, der vielleicht bekanntesten Isländischen Band und von Hilmar, einem schrulligen Komponisten von Filmmusik und Oberhaupt der lokalen Heidnischen Gemeinde.

Anders als ihre Nachbarin Björk von „Spaks“, wie Isländer das Label mit dem schwierigen Namen abkürzen, sieht sich Steinunn sehr wohl von der einmaligen Landschaft ihrer Heimat inspiriert. Zum Beispiel der neue Stoffprint, den sie für ihre ätherisch verrüschten, gleichzeitig enorm alltagstauglichen Schals und Kleider entwickelt hat: Eine Freundin zeichnete mit dem Bleistift isländische Pflanzen, eine andere Freundin veränderte diese Zeichnungen und machte einen Stoffdruck daraus. Die neidlose und kollaborative Gemeinschaft der Künstler ist für Steinunn das eine Element, das isländisches Design ausmacht, die Nähe zur Natur das andere: „Unsere Mode ist einem Wort: organisch“, sagt sie und zeigt die komplizierten genähten Oberflächen ihrer fast durchgehend in Grau, Anthrazit und Schwarz gehaltenen Kollektion: „Die Strukturen kommen aus der Natur, die Farben kommen von Felsen und Steinen.“ Wenn zwischen den gedeckten Tönen doch mal ein einsames Purpur hervorleuchtet ist auch das von einer lokalen Blume inspiriert.

In jedem zweiten Laden an der Bankastraeti, die nach wenigen Metern zur Haupteinkaufsstraße Laugavegur wird, steht „Icelandic Design“ am Schaufenster. Schmuck, Mode, Basteleien – doch nicht alles ist gut. „Es gibt viel Kunsthandwerk hier“, sagt Steinunn, „und ich liebe vieles davon. Aber wir bemühen uns, ernsthaftes Design davon zu unterscheiden.“ Erst seit dem Jahr 2000 gibt es auf Island eine Kunsthochschule, an der man Gestaltung, Mode und Architektur studieren kann „und seitdem hat sich die Zahl der Designer hierzulande bestimmt verdreifacht“, sagt Steinunn. Natürlich unterrichtet sie als Star dort den Nachwuchs.

Und der hält sich nicht immer an die edlen, femininen und farblich reduzierten Entwürfe der großen lokalen Vorbilder: Gleich gegenüber der beiden Läden dröhnt Elektromusik aus dem ersten Stock eines Gebäudes, das wie die meisten in Reykjavik eher erdbebensicher als hübsch anzuschauen ist. Hier entsteht scheinbar der Gegenentwurf zu den zeitlos eleganten und gedämpften Kleidern Steinunns, die Frauen „von 18 bis 75 tragen“: Hier, bei Naked Ape, ist alles bunt, laut, aufgeregt und scheinbar mit großem Mut zur Hässlichkeit.

Sara Maria Eithorsdottir und Olafur Gunnar Baldursson bedrucken T-Shirts und Kapuzenjacken in Übergrößen mit pinkfarbenen Totenköpfen, hellblauen Eistüten und orangen Schimpansen, kombinieren Gittermuster mit Tigerprints und Paisley mit Camouflage. Das Ergebnis ist gewöhnungsbedürftig, aber auch individuell, teuer und hochmodisch. Junge Japanerinnen kaufen gerade tütenweise Shirts in irren Komplementärfarben ein, während die beiden Kreativen in der offenen Werkstatt nebenan für Nachschub sorgen und dabei jedermann zuschauen lassen.

Wer seine Shopping-Tour mit einem etwas typischeren Mode-Souvenir fortsetzen möchte, geht die Laugavegur weiter zu Hulddesign, wo Hulda Kristinsdottir Taschen, Schuhe und Accesoires aus dem schuppigen Leder von Lachs, Rotbarsch und Wels verkauft. Sie sei die erste gewesen, die diese alte isländische Tradition vor 15 Jahren wieder zum Leben erweckt habe, sagt sie. Sie hat mit einem Schuster zusammen herausgefunden, wie man die Fischhaut bearbeiten muss, damit sie – anders als früher – weich und elastisch wird. Heute kostet eine große Tasche oder ein paar Stiefel bei ihr schnell mal an die 400 Euro.

Beim Abendessen im derzeit sehr angesagten Restaurant „Domo“ gibt es ausgezeichnete Sushi-Variationen – der Fisch ist in Island einfach unschlagbar frisch – und australischen Wein. Marin und Anita haben hierher eingeladen, zwei junge Frauen, die für die einheimische Event-Agentur Practical arbeiten und darum wissen, woher in Reykjavik der modische Wind weht: „Die Stadt wird gerade schick“, sagt Marin. Bis vor ein paar Jahren galt man in Island als cool, wenn man laute Rockmusik hörte, Second-Hand-Kleidung trug und viel Bier trank – so wie im Film „Reykjavik 101“.

Doch inzwischen verfeinert sich der Geschmack: Beim Drink in der plüschig designten Bar B5 – wieder in Laufweite von Steinunns Geschäft – treffen wir nach dem Essen Arnar Gauti, einen lokalen Fernseh-Moderator. „Die Inneneinrichtung hier ist von mir“, ruft er über laute House-Musik, und zeigt auf einen lebengroßen Plastikhirsch mit Lampenschirm auf dem Geweih, bevor er mit zwei schönen Frauen in die Nacht verschwindet. Arnar besitzt auch eine Mode-Boutique mit internationalen Marken. In seiner TV-Show geht es ausschließlich um Fragen neuesten Designs und geschmackvoller Raumgestaltung.

Aber manchmal sind ist es nicht angestrengtes Hipstertum und überkandidelte High-Fashion, die Besucher die Essenz eines Landes verstehen lassen. Steinunn hatte wahrscheinlich recht, als sie – um einen Tipp für das perfekte Island-Souvenir gebeten – nach kurzem Nachdenken nur zwei kleine Dinge nannte: Musik von einer isländischen Band, am besten aus dem besten Plattenladen des Landes, „Bad Taste“ – natürlich wieder gleich im die Ecke gelegen. Und ein Mitbringsel aus einem Laden namens „Kirschbaum“, ebenfalls in Laufweite: Ein grauer Kiesel vom steinigen Strand der umwerfend einsamen Region Snaefellsness, überzogen mit Wolle: „Die Steine und der Stoff – damit haben Sie alles in der Hand, was isländisches Design ausmacht.“