Welt am Sonntag

"Deutschland soll gewaltlos bleiben"

Nichts ist in Zeiten von Angst und Terror provozierender als radikaler Pazifismus. Wir sprachen mit Arun Gandhi, dem Enkel von Mahatma, über Gewaltlosigkeit, US-Kriegspläne und friedliebende Deutsche

Erschienen:

  • 22. September 2002
ghandi.jpg

WELT am SONNTAG: Herr Gandhi, der irakische Diktator Saddam Hussein will angeblich die Rückkehr von UN-Inspektoren in sein Land zulassen, dennoch scheinen die USA ihn mit Gewalt absetzen zu wollen. Stehen wir kurz vor einem Krieg?

Arun Gandhi: Ich fürchte, ja, und bin nicht einverstanden mit der Art, wie George W. Bush sich verhält. Die USA wollen einmal mehr ihren Status als Supermacht nutzen, um den Rest der Welt unter ihre Kontrolle zu bringen. Stattdessen sollten sie ihre moralische Stärke einsetzen und anderen Ländern helfen. Das ist die einzige Chance, Terrorismus in Zukunft zu verhindern.

WamS: Sie verbreiten die Lehre Ihres Großvaters Mahatma Gandhi in alle Welt. Sind Sie als Verfechter radikaler Gewaltlosigkeit nicht ratlos angesichts von Flugzeugattacken auf Hochhäuser und Diktatoren mit Biowaffen?

Gandhi: Diese Frage haben mir seit der Tragödie vom 11.September viele gestellt. Aber Gewaltlosigkeit ist keine Strategie, die wir im Frieden nutzen und in der Krise wieder vergessen können. Terroristen umzubringen befreit die Welt nicht von ihnen. Wir müssen die Umstände analysieren und ändern, die sie dazu gemacht haben.

WamS: Deutschland will ebenfalls keinen Krieg mit dem Irak. Edmund Stoiber ist gegen einen Alleingang der USA, Gerhard Schröder auch gegen einen Angriff mit UN-Mandat.

Gandhi: Nicht in die amerikanische Kriegsmentalität verwickelt zu werden ist eine sehr vernünftige Position. Bushs Politik vergrößert nur die weltweite Kluft zwischen dem reichen Westen und dem armen Osten. Genau das generiert Terrorismus.

WamS: Kritiker sagen, Schröders pazifistische Haltung sei Wahltaktik.Er nutze die Angst der Menschen vor Krieg, um Stimmen zu gewinnen.

Gandhi: Das kann ich nicht beurteilen, aber es macht auch keinen Unterschied. Gegen diesen Krieg zu sein, ist richtig.

WamS: Es gibt Hinweise darauf, dass Saddam Massenvernichtungswaffen besitzt.

Gandhi: Bei der derzeitigen Kriegstreiberei geht es nicht darum, den Irak oder Saddam in die Schranken zu weisen. Präsident Bush sucht nur einen Grund, den Verteidigungshaushalt zu erhöhen.

WamS: Als die deutschen Grünen vor einigen Monaten einem Bundeswehreinsatz im Kosovo zustimmten, galt dies bei uns als Ende des Versuchs, Pazifismus und Realpolitik zusammenzubringen.

Gandhi: Man darf Gewaltfreiheit in der Tat nicht dogmatisch betrachten. Es gibt Zeiten, in denen Gewalt notwendig ist. Aber während wir uns als zivilisierte menschliche Rasse weiterentwickeln, müssen wir versuchen, weniger gewalttätige Konfliktlösungen zu finden.

WamS: Das ist angesichts der Terrorakte vom 11. September leichter gesagt als getan. Darauf musste es Vergeltung geben.

Gandhi: Gerechtigkeit ist nicht Rache. Die Lehre „Auge um Auge“ führt nur dazu, dass am Ende die ganze Welt blind ist.

WamS: Klingt sehr schön. Nur: Wie hätten die USA denn reagieren sollen?

Gandhi: Das war ein Weckruf für unser Land. Wir hätten uns fragen müssen, warum so viele Menschen auf der Welt uns so sehr hassen, um dann zu sehen, wie wir diesen Hass in Liebe und Verständnis verwandeln können.

WamS: Liegen die Gründe schlicht in einem religiösen Konflikt – Moslems gegen Christen?

Gandhi: Der 11.September war nicht religiös motiviert. Ganz Europa ist christlich – warum wurde es nicht angegriffen?

WamS: Kein Kampf der Kulturen?

Gandhi: Nein, der Hass rührt daher, dass die USA das wohlhabendste Land der Welt sind, die einzige verbleibende Supermacht, und dass sie in ihren internationalen Beziehungen immer überheblich waren. Außerdem haben wir regelmäßig die falschen Kräfte in anderen Ländern unterstützt: In Nicaragua, Panama, auch im Irak – Saddam ist ein Produkt der USA.

WamS: Ist es nicht zweitrangig, woher Hass stammt? Wenn so viele seiner Einwohner getötet oder bedroht werden, muss ein Land reagieren.

Gandhi: Warum haben die USA nicht der Sowjetunion den Krieg erklärt, als diese 1000-mal mehr tödliche Waffen besaß und eine viel größere Bedrohung darstellte als Saddam jetzt? Wenn wir Stalin so lange ertragen haben, warum nicht Saddam noch eine Weile?

WamS: USVerteidigungsminister Rumsfeld verglich Saddam vor einigen Tagen mit Hitler und sagte, die Welt dürfe nicht denselben Fehler machen wie damals. Man müsse Saddam stoppen, bevor es zur Katastrophe komme.

Gandhi: Wenn wir Saddam jetzt angreifen, bringt das die gesamte islamische Welt gegen die USA auf. Außerdem würde er uns zwingen, in den Straßen von Bagdad zu kämpfen. Können wir es ertragen, Frauen und Kinder zu töten, um Saddam zu fassen? Was, wenn er entkommt wie bin Laden?

WamS: Wenn es eine Chance gäbe, Saddam zu töten, ohne einen Krieg zu führen, wäre das aus pazifistischer Sicht erlaubt?

Gandhi: Das würde kein Problem lösen. Wir müssen ihn sicher enger an die Leine legen, denn wir haben ein Monster geschaffen, mit dem wir umgehen müssen. Aber ein Monster zu töten gebiert nur zehn andere.

WamS: Auch Sie als Pazifist können einem Menschen das Recht auf Selbstverteidigung nicht absprechen.

Gandhi: Als ich in Südafrika aufwuchs, wurde ich als Kind oft wegen meiner Hautfarbe verprügelt. Erst von den Weißen, weil ich denen zu dunkel war. Dann von den Schwarzen, denen war ich zu hell. Und ja: Ich wäre gern stärker gewesen, um mich zu wehren.

WamS: Eine Regierung muss ihre Bürger verteidigen dürfen. Demnach dürften die USA gegen Al Qaida und Saddam Hussein vorgehen.

Gandhi: Selbstverteidigung ist nur erlaubt, wenn man die Straße entlanggeht und plötzlich überfallen wird. Also wenn die Bedrohung überraschend kommt.

WamS: Der 11. September war ja wohl überraschend.

Gandhi: Nein, die Attentäter sind nicht eines Tages aufgewacht und haben beschlossen: Heute steuern wir Flugzeuge ins World Trade Center. Wer sich die weltpolitische Entwicklung der letzten Jahre ansah, musste so etwas befürchten. Es gab schon vorher Anschläge, also hätte man versuchen können, Spannungen auszuräumen. Die USA haben aber weiter nur Stärke demonstriert.

WamS: Im Krisenfall muss eine Nation doch solche Stärke zeigen können. Selbst Deutschland unterstützt – trotz seiner Vergangenheit – internationale Friedensmissionen militärisch.

Gandhi: Jedes Land der Welt soll seine internationale Verantwortung tragen aber das muss keine militärische sein. Es geht vielmehr darum, guter Weltbürger zu sein, mit den Nachbarn auszukommen. Wenn wir hingegen andere Nationen ausbeuten und uns auf ihre Kosten bereichern, müssen wir Konflikte fürchten und brauchen Armeen.

WamS: Eine Welt ohne Konflikte hat es nie gegeben. Man kann das bedauern, aber man muss es akzeptieren.

Gandhi: Nein. Bei der Lehre von der Gewaltfreiheit, die mein Großvater, aber auch Martin Luther King vertreten haben, geht es eben darum, die Menschen zu erziehen, wertvolle Beziehungen zu anderen einzugehen. Auf persönlicher wie auf gesellschaftlicher Ebene.

WamS: Also: Wie hätte Ihr Großvater auf die Terroranschläge reagiert?

Gandhi: Es gibt eine Parallele in der indischen Geschichte. 1919 ließ der britische Gouverneur in Punjab 380 Menschen massakrieren, die sich gewaltfrei versammelt hatten. Landesweit kamen auf jeden Briten damals 4000 Inder. Wenn sich die Wut der Massen Bahn gebrochen hätte – kein Engländer hätte überlebt. Aber mein Großvater sagte den Menschen: Wir dürfen nicht so werden wie unsere Gegner. So kanalisierte er den Zorn in gewaltfreien Protest und befreite das Land. Bush hingegen erklärte einen „Krieg gegen den Terrorismus“, der nicht zu gewinnen ist. Diese weltweite Hexenjagd wird zu noch mehr Gewalt führen, sodass uns das 20. Jahrhundert im Vergleich friedfertig erscheinen wird.

WamS: Und wie hätte Mahatma Gandhi sich angesichts der Bedrohung durch den Irak an Stelle der USA verhalten?

Gandhi: Er würde auf Dialog setzen. Er wäre bescheiden zu den Vereinten Nationen gegangen und nicht arrogant wie Bush. Er hätte die UN gebeten, gemeinsam eine Lösung zu finden, und nicht versucht, sie zu einer Resolution zu überreden.

WamS: Sie sind kein Freund von George W. Bush.

Gandhi: Nein, er ist viel zu militaristisch und gewalttätig, als dass ich ihn mögen könnte. Selbst in religiösen Fragen sind wir verschiedener Meinung, denn im Gegensatz zu Bush denke ich, dass wir anderen Glaubensrichtungen gegenüber toleranter sein müssen. Im Grunde verkörpert er alles, was ich für negativ halte.

WamS: Ihr Standpunkt darf in den USA als Minderheitsmeinung gelten.

Gandhi: Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Menschen meine Vorträge hören. Wenn ich spreche, dann nie vor weniger als 500 Menschen.

WamS: Ihnen wurden viele Auszeichnungen verliehen, doch ins Fernsehen kommen sie nicht ...

Gandhi: ... ich wünschte, es wäre anders, aber Fernsehsender wollen Profit machen. Und Gewalt scheint mehr Gewinn zu versprechen als Friedensbotschaften.

WamS: Glauben Sie, es gäbe keine Kriege mehr, wenn wir nur die Menschen zu mehr Toleranz erziehen? Das scheint, mit Verlaub, naiv.

Gandhi: Wir können das Maß an weltweiter Gewalt deutlich verringern. Dazu müssen die reichen Länder ihr Wissen und ihren Wohlstand teilen und den Lebensstandard in den armen Ländern deutlich erhöhen. So lange wir weltweit extremen Kapitalismus praktizieren, werden wir mit Krieg und Gewalt leben müssen.

WamS: Heute wird in Deutschland gewählt. Haben Sie einen Rat für den künftigen Bundeskanzler, wie er sich in der Irak-Frage verhalten soll?

Gandhi: Ich hoffe, dass die Deutschen eine Regierung wählen, die des Mitleids fähig ist, verständnisvoll, kooperativ und bereit, anderen Kulturen mit Respekt zu begegnen. Ich hoffe, dass der nächste Bundeskanzler den gewaltlosen Weg im Umgang mit dem Irak fortsetzt.

Das Gespräch führte Markus Albers