Welt am Sonntag

Exodus der Klügsten

Deutschlands Elite findet im Ausland bessere Jobs und mehr Geld. Nur Reformen können den Aderlass stoppen

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  • 24. August 2003
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Sie sind ein junger, hoch begabter Biochemiker? Architekt, Arzt, Ingenieur? Verschwinden Sie! Wandern Sie aus! In Deutschland verdienen Sie zu schlecht, stecken in bürokratischen Strukturen fest oder bekommen erst gar keinen Job. Die USA, die Schweiz oder Großbritannien bieten Ihnen mehr Geld, mehr Verantwortung, bessere Karrierechancen und Rundumbetreuung für Ihre Familie.

Deutschlands klügste Köpfe packen ihre Koffer, und man kann es ihnen nicht verdenken. Allein jeder siebte bei uns promovierte Nachwuchs-Wissenschaftler geht in die USA. Von allen europäischen Gastforschern stellen die Deutschen dort mit 18 Prozent die größte Gruppe. Viele kehren nach ein paar Jahren zurück, aber ein Drittel bleibt auf Dauer – es sind die besten. Drei von vier Nobelpreisträgern deutscher Herkunft arbeiten in Amerika.

„Die Top-Wissenschaftler kennen ihren Wert und bestehen zu Recht auf exzellenten Arbeitsbedingungen und einer angemessenen Bezahlung. Beides ist in Deutschland selten gegeben“, sagt Helmut Schwarz, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG): „Es gibt bei uns keine planbaren Karrierepfade, die Leute werden nach Tarif und nicht nach Leistung bezahlt. In Amerika verdienen Wissenschaftler bis zu dreimal so viel wie hier.“ Auch seien die Lehrverpflichtungen viel zu hoch. Vor allem aber vermissten die jungen, talentierten Forscher in Deutschland das „Brennen für die Wissenschaft und eine prickelnde, internationale Atmosphäre auf dem Campus“.

Das fand Florian Töpert in den USA. Ein Jahr vor dem Abschluss seiner Doktorarbeit an der Berliner Humboldt-Universität bekam der jetzt 30-Jährige auf einer Konferenz vom Scripps Research Institute in San Diego das Angebot zu einem Postdoc-Aufenthalt. Er nahm an und blieb dort. „In Deutschland fehlen international renommierte Institute wie das MIT oder Harvard – Namen, die mit Spitzenforschung verknüpft werden“, so der inzwischen promovierte Biochemiker.

„Solche Namen müssen aufgebaut werden wie ein Markenartikel“, hat Töpert in den USA gelernt: „Dazu brauchen Institute die Freiheit, ein paar Stars mit viel Geld anzuwerben und Pfeifen rauszuschmeißen, die keine Leistung bringen.“ Deutschlands Universitäten hingegen sind für akademische Spitzenkräfte wenig attraktiv. 43 Prozent aller im Ausland tätigen Forscher wollen laut einer Studie des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft nicht zurückkehren, 44 Prozent sind unentschlossen.

Helmut Schwarz fordert deshalb strukturelle Veränderungen, und zwar schnell: „Lange können wir nicht mehr von unserem Ausbildungskapital zehren.“ Die besten Köpfe seien schon weg.

Dieser „Brain Drain“ betrifft inzwischen ganz Europa. Der Mangel an qualifizierten Wissenschaftlern und die fortdauernde Abwanderung von Spitzenkräften stelle für die Wettbewerbsfähigkeit Europas eine Bedrohung dar, mahnte die EU-Kommission vor vier Wochen.

Als „verlorenes Wissenschaftler-Potenzial“ verbuchte Brüssel 1990 noch 49 Prozent aller Doktoranden – 1999 waren es bereits 73 Prozent. Nun will die Kommission die Rückkehr der Forscher mit 1,6 Milliarden Euro fördern.

Auch wenn Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn die Gefahr erkannt hat (siehe Interview), sind ihre Bemühungen bislang nur mäßig erfolgreich. „Das Problem kann mit der Juniorprofessur nicht gelöst werden“, sagt Michael Madeja, der für die Gemeinnützige Hertie-Stiftung gerade ein Förderprogramm für Hirnforscher aufgelegt hat.

Begabte Jungforscher wie Töpert empfinden Deutschland mit seinem nach wie vor langwierigen Habilitationsverfahren und der unterfinanzierten Juniorprofessur immer noch als wenig einladend. „Jetzt müssen schnell richtige Reformen umgesetzt werden“, findet auch er.

Wie die aussehen können, beschrieb die Unions-Vorsitzende Angela Merkel kürzlich in dieser Zeitung: „Wir brauchen andere, flexiblere Regelungen für die Universitäten als der öffentliche Dienst sie hergibt, und eine grundsätzlich positivere Einstellung zu Wissenschaft, Technik und Ingenieurwesen.“ Auch das Verbot von Studiengebühren müsse aufgehoben werden und Universitäten mehr Einfluss auf die Auswahl ihrer Studenten bekommen, fordert Merkel.

CSU-Chef Edmund Stoiber mahnt selbstkritisch: „In der Bildungspolitik ist die Elitenförderung nach allen Seiten gefährdet: Es gibt in der Bevölkerung etwa fünf Prozent Hochbegabte, die in Deutschland nicht ausreichend gefördert werden, auch in Bayern noch nicht optimal.“ Darum will er jetzt an bayerischen Universitäten Elite-Studiengänge anbieten.

Doch für angehende Führungskräfte und Forscher ist es auch in Deutschland inzwischen selbstverständlich, einen längeren Auslandsaufenthalt zu absolvieren – schon für den Lebenslauf. Wer als Naturwissenschaftler etwas werden will, muss auf Englisch in internationalen Fachzeitschriften publizieren. Wer in großen Konzernen Karriere machen möchte, muss sich auf internationalem Parkett sicher bewegen.

Die Schwelle, ganz ins Ausland zu wechseln, ist gesunken – auch weil durch Internet und Globalisierung die Welt kleiner wurde. In allen Büros wird Englisch gesprochen, „Microsoft Word“ benutzt, bei Starbucks Kaffee bestellt. Ein Computerexperte aus Köln kann in Stockholm anheuern, weil er weiß, dass er sich mit seinen Kollegen aus Indien und Italien verständigen kann.

Austauschprogramme von Bundeseinrichtungen und Verbänden schicken junge Begabte in die Ferne: Allein die Organisation Inwent zeigt jährlich über 35 000 „Wege ins Ausland“. Schüler und Studenten werden durch einschlägige Programme auf den globalen Arbeitsmarkt hingewiesen, das Arbeitsamt hat 50 Dienststellen für Jobvermittlung innerhalb der EU. All das ist prinzipiell lobenswert, doch kaum jemand kümmert sich um die Rückkehr der Bildungsreisenden.

Wenigstens einige deutsche Forscher aus den USA will die frisch gegründete German Scholars Organisation in die Heimat zurücklocken: Eine Jobbörse soll hiesige Industrievertreter und ausgewanderte Wissenschaftler in Kontakt bringen.

Das Emmy-Noether-Programm soll die Abwanderung junger Akademiker schon vorher verhindern: Für zwei Jahre dürfen sie im Ausland forschen, anschließend müssen sie nach Deutschland zurück. Die DFG finanziert das Projekt – ohne diese Subvention würde die junge Elite wohl einfach dort hingehen, wo sie die besten Bedingungen vorfindet.

Genau das ist in Teilen der Wirtschaft bereits gängige Praxis: „Deutschland ist längst zu einem Auswanderungsland geworden“, sagt Hubertus Christ, Verbands-Chef der deutschen Ingenieure. Pro Jahr gehen vermutlich mehr als 100 000 hoch qualifizierte Arbeitskräfte ins Ausland – genaue Zahlen gibt es nicht. Vor allem Ärzte, Naturwissenschaftler und eben Ingenieure finden selbst in manchen europäischen Nachbarländern vergleichsweise paradiesische Bedingungen: In Skandinavien beträgt die Arbeitswoche eines Klinikarztes unter 35 Stunden – bei deutlich höherem Einkommen und gesellschaftlichem Prestige. Asiatische Boomländer werben um hiesige Betriebswirte. Die osteuropäischen Länder sind gerade erst hungrig geworden.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt: „Die Mobilität junger, qualifizierter Fachkräfte sowie die Bereitschaft, im Ausland zu leben und zu arbeiten, nimmt zu.“ Das liege auch an der in Deutschland hohen Belastung mit Steuern und Sozialversicherungsabgaben.

Grundsätzlich begrüsse er den internationalen Austausch, aber: „Mobilität und Flexibilität dürfen keine Einbahnstraße sein, die aus Deutschland wegführt“, so Hundt.

Manche Berufsstände haben kaum eine andere Wahl als auszuwandern. Dirk Podbielski hatte seine Ausbildung mit Auszeichnung beendet, in Kiel, Mailand und den USA studiert. Danach suchte der Architekt einen renommierten Arbeitgeber. Doch Berufseinsteigern wird in den bekannten deutschen Architekturbüros oft nur ein Praktikantengehalt bezahlt. „Die Anfrage übersteigt einfach das Angebot“, so Podbielski.

Logische Konsequenz: der Blick ins Ausland. Als der heute 34-Jährige Anfang 2001 in Zürich seinen Arbeitsvertrag bei Ernst und Humble unterschrieb, lag die Arbeitslosenquote für Architekten in der Schweiz bei 3,7 Prozent, in Deutschland bei 30. Trotzdem denkt er darüber nach, nach Deutschland zurückzukehren, wartet auf das richtige Angebot.

Keinesfalls zurückkehren will die Frauenärztin Tatjana Wittkop. Die 36-Jährige ging vor Jahren mit ihrem Mann, einem Radiologen, ins englische Birmingham. Neben einer praxisnäheren Ausbildung und weniger strengen Hierarchien in den Krankenhäusern hat die Mutter von drei Kindern auf der Insel einen weiteren Vorteil entdeckt: Egal ob Krippen für die Kleinsten oder Hausaufgabenhilfe für Schüler – „die Kinderbetreuung ist ausgezeichnet“, sagt sie.

Der international tätige Personalberater Toni Anders wirbt in großem Stil High Potentials ins Ausland ab. Beim größten heimischen Spezialisten Heidrick & Struggles betreut er über 50 Kunden aus den USA, Großbritannien und Asien, die an deutschen Eliten interessiert sind. Internationale Mandate haben sich in den letzten zwei Jahren verdoppelt.

„Man kann aber keinesfalls von einer Deutschland-Flucht sprechen“, so Anders, „eher davon, dass es im Ausland eben oft die besseren Angebote gibt.“ Allerdings nicht in jeder Branche. So wie bei den Akademikern Naturwissenschaftler viel gefragter sind als Geisteswissenschaftler, gibt es auch in der Wirtschaft hoch dotierte Star-Professionen. Derzeit sind das Bio-Tech, IT-Management und Pharmazie.

Der Chemiker Rainer Regenbogen ist 1995 in die Schweiz ausgewandert. Er hat die Entscheidung nicht bereut: „Die Löhne sind höher, Steuern und Abgaben niedriger.“ Heute leitet Regenbogen die Produktentwicklung eines Kosmetikunternehmens. Die Rückkehr nach Deutschland schließt er nicht aus. „Für eine besondere Herausforderung würde ich Einkommenseinbußen hinnehmen“, sagt der 43-Jährige.

Ob aus pragmatischen oder Karrieregründen – ein großer Teil der geistigen Elite kehrt Deutschland zumindest auf Zeit den Rücken. Man kann das positiv sehen: „Im Idealfall“, so Personalberater Anders, „sind die Top-Leute nach ihrer Rückkehr höher qualifiziert und kosmopolitischer als je zuvor.“ Ihre kreativsten und produktivsten Jahre haben sie dann leider im Ausland verbracht.

Mitarbeit: Antje Wewer,

Alexander Wriedt