Welt am Sonntag

"Jeder soll nur noch 20 Stunden arbeiten"

Der Gesellschaftskritiker Jeremy Rifkin berät Konzernchefs und Politiker in aller Welt. Seine Antwort auf das Beschäftigungsproblem: Ende der staatlichen Jobvermittlung und radikal kürzere Arbeitszeiten

Erschienen:

  • 5. Mai 2002
rifkin.jpg

WELT am SONNTAG: Fangen wir mit dem Aktuellen an: In Frankreich feiert der Rechtsradikale Le Pen Erfolge, in Deutschland gibt es Anschläge auf jüdische Einrichtungen. Erschreckt Sie das als amerikanischer Jude?

Jeremy Rifkin: Ich war nicht schockiert über Le Pens Erfolg. Es gibt in Europa wie überall auf der Welt große Angst vor der Globalisierung und ihren Folgen: offene Grenzen und flexible Arbeit. Viele Menschen fürchten, die Kontrolle über ihr persönliches Schicksal und ihr kulturelles Erbe zu verlieren.

WamS: Zu Recht?

Rifkin: In gewisser Hinsicht ja. Es gibt ein paar hundert Konzerne auf der Welt wie Universal/Vivendi, Bertelsmann oder Sony, die der Ansicht waren, eine ‚Globalisierung von oben‘ durchsetzen zu können. Sie behaupteten, dass freie Märkte alle Probleme lösen, dass wir nur die Grenzen öffnen und Handelsbarrieren beseitigen müssen, dann wird die Produktivität steigen, und allen geht es gut.

WamS: Ist das falsch?

Rifkin: Der 11. September war ein Wendepunkt. Er markiert das Ende dieser Form von Globalisierung.

WamS: Sie behaupten: Bevor es wirtschaftliche Beziehungen zwischen Menschen und Völkern gibt, müssen kulturelle Beziehungen existieren.

Rifkin: Ja, denn globaler Handel setzt soziales Vertrauen auf Konventionen voraus, das nur Kultur schaffen kann.

WamS: Was hat das mit Le Pen zu tun?

Rifkin: Der Rechtsruck in Frankreich ist eine kulturelle Reaktion auf die Globalisierung.

WamS: Und insofern vergleichbar mit dem Terror der Islamisten?

Rifkin: Am 11. September haben wir die extremste pathologische und dysfunktionale Reaktion auf die Globalisierung von oben gesehen.

WamS: Sie machen Sony für den Terrorismus verantwortlich?

Rifkin: Nein, aber egal wie viel Geld wir fürs Militär ausgeben – wir können uns keine Sicherheit kaufen, solange wir uns nicht mit den Ängsten beschäftigen, die die Globalisierung hervorruft.

WamS: Nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland wird über gesunden Patriotismus und die Gefahr eines neuen Nationalismus diskutiert.

Rifkin: Weil „deutsche Kultur“ scheinbar synonym war mit dem Dritten Reich haben die Sozialdemokraten nach dem Krieg so getan, als gebe es in Deutschland ein demokratisches Gefüge und kommerzielle Beziehungen, aber keine gemeinsame Identität.

WamS: Sie irrten?

Rifkin: Eine Gesellschaft kann mit dieser Illusion nicht leben, ohne zu implodieren. Wenn sie so tut, als habe sie keine Wurzeln, hat sie auch keine gemeinsame Story. Und dann ist sie ein leichtes Opfer für jeden, der sich eine falsche Story ausdenkt.

WamS: Wie die Neonazis.

Rifkin: Wenn man nicht über seine Kultur sprechen will, kommt sie mit desaströsen Folgen zurück, und zwar meist von der extremen Rechten. Wir in den USA streiten uns ständig über unsere nationale und kulturelle Identität – was es heißt, ein Amerikaner zu sein. Das ist sehr gesund. In Deutschland wurde nach dem Krieg zu sehr auf Konsens gesetzt.

WamS: Immerhin erfolgreich.

Rifkin: Deutschland musste sich heilen. Das hat zwei Generationen lang gedauert. Jetzt fragt man sich plötzlich: Führt diese Politik zu einem Mangel an Innovation und Dynamik?

WamS: Was denken Sie?

Rifkin: Das soziale Netz ist eine der großen Errungenschaften Deutschlands, aber zugleich darf es die Menschen nicht der Eigenverantwortung berauben.

WamS: Das deutsche Arbeitsamt hat jahrelang viel weniger Arbeitslose vermittelt als behauptet. Muss das überhaupt eine staatliche Aufgabe sein?

Rifkin: Nein. Ich finde, der Staat sollte lieber lokale Selbsthilfe-Organisationen unterstützen, die die Jobvermittlung übernehmen. Sie wären unbürokratischer und motivierter und verfolgten keine anderen Interessen, als ihre Nachbarn weiterzubilden und ihnen Arbeit zu verschaffen.

WamS: Stoiber macht die Regierung Schröder für die hohe Arbeitslosigkeit verantwortlich. Folgt man Ihrem Buch „Das Ende der Arbeit“, kann keine Regierung viel dagegen tun.

Rifkin: Doch. Sie muss nur verstehen, was das Problem ist. Wir sind in der Mitte eines grundsätzlichen Wechsels in der Arbeitswelt. Neue, intelligente Techniken läuten eine Ära ein, die geprägt ist von Fragen des Zugangs, von Netzwerken und von schlauen Maschinen.

WamS: Die berühmte Informationsgesellschaft.

Rifkin: Wir stehen erst am Anfang dieser Revolution. Quanten-Computer und DNA-Rechner werden kommen. Versuchen Sie sich mal vorzustellen, wie im 22. Jahrhundert Fabrikarbeiter neben Maschinen schuften. Ein lächerlicher Gedanke. Der billigste Arbeiter ist nicht so billig wie die Technologie, die ihn ersetzt.

WamS: Aber es entstehen doch auch neue Arbeitsplätze.

Rifkin: Es wird faszinierende Jobs geben, die wir uns noch gar nicht vorstellen können. Aber nur für kleine, elitäre Spezialisten-Teams. Das industrielle Zeitalter hat die Sklavenarbeit beseitigt, das Zeitalter des Zugangs beseitigt Arbeit für die Massen.

WamS: Was also tun?

Rifkin: Deutschland hätte bei der Lösung dieses Problems schon viel weiter sein können, aber es hat den Fehler gemacht, das vermeintliche amerikanische Wirtschaftswunder nachahmen zu wollen. Wir hatten den Arbeitsmarkt flexibilisiert, die Produktivität erhöht. Scheinbar deshalb fiel unsere Arbeitslosigkeit von 7,5 auf unter 4,5 Prozent.

WamS: So sah es aus.

Rifkin: Kompletter Nonsens. Unsere Firmen sind nicht so viel produktiver als europäische. Der Grund für die bis vor kurzem florierende US-Wirtschaft war, dass jeder Bürger eine Kreditkarte bekam und alle wie verrückt konsumierten. Während die Arbeitslosigkeit sank, sanken auch die Ersparnisse der Privathaushalte von acht Prozent auf unter null.

WamS: Ein Aufschwung auf Pump...

Rifkin: ... der zusammenbrechen musste. Jetzt sind wir vor die Wand gefahren, die Arbeitslosenquote beträgt wieder sechs Prozent und wird weiter steigen. Es gab kein amerikanisches Wirtschaftswunder.

WamS: Nochmal: Was sollen Politiker tun? Der Soziologe Ulrich Beck schlägt staatlich vergütete Dienste an der Allgemeinheit vor.

Rifkin: Die Politiker könnten sagen: Wir stehen vor einem der größten Siege in der Geschichte der Menschheit. Zum ersten Mal müssen wir nicht jede nachfolgende Generation ausbilden, um Güter für den Markt zu produzieren. Wir können die Menschen von der Arbeit befreien.

WamS: Aber das passiert doch nicht: Die Berufstätigen machen sogar immer mehr Überstunden.

Rifkin: Weil wir uns nicht vorstellen können, was die Menschen tun würden, wenn sie nicht ihr ganzes Leben damit zubringen müssten zu arbeiten. Wir haben die Vision der Menschlichkeit so sehr verengt, dass wir unsere Kinder ausschließlich großziehen, damit sie Güter für den Markt produzieren. Was für eine Schande.

WamS: Sollen alle nur noch malen oder komponieren?

Rifkin: Nicht jeder muss ein Künstler werden. Aber es gibt in 50 Jahren neun Milliarden Menschen auf diesem Planeten und gleichzeitig immer weniger Jobs. Bald werden zwei Prozent der Bevölkerung genügen, um alle nötigen Güter zu produzieren und zwei Prozent für die Dienstleistungen. So wie schon jetzt zwei Prozent für die Landwirtschaft ausreichen.

WamS: Blieben 94 Prozent Arbeitslose.

Rifkin: Lasst uns die Menschen für soziale und kulturelle Aktivitäten freisetzen. Mindestens zehn Generationen von Deutschen könnten, wie ich das nenne, soziales Kapital anhäufen.

WamS: Wer bezahlt das?

Rifkin: Man muss nur die vorhandenen Einnahmen besser verteilen und die Arbeitszeit verkürzen. Meine Prognose: Innerhalb von fünf Jahren wird die 35-Stunden-Woche in der ganzen EU eingeführt sein, danach sind die USA dran.

WamS: Ein Wahlkampfthema für Deutschland?

Rifkin: Ja. Die kurzfristige Antwort: Wochenarbeitszeit von 35 auf 30 Stunden reduzieren, dann auf 25 und 20.

WamS: Jetzt sind wir aber im Bereich der Science-Fiction.

Rifkin: Nein. Zwischen 1880 und 1950 sank die Wochenarbeitszeit von 70 auf 40 Stunden bei steigenden Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen.

WamS: Und langfristig?

Rifkin: Brauchen wir bezahlte Arbeit im kulturellen Bereich, schon um zu vermeiden, dass der „Kulturelle Kommerz“ der großen Konzerne wie Disney, Time Warner oder Bertelsmann unser ganzes Leben dem Konsum unterwirft. Wir sehen diesen Trend bereits im Tourismus: Menschen führen für andere ihre Geschichten auf. Malerei, Film, Musik – was traditionell im kulturellen Bereich angesiedelt war, wird vom Kommerz absorbiert.

WamS: Sie warnen ausdauernd vor kulturellem Ausverkauf.

Rifkin: Wir müssen den Menschen Zeit und Geld geben, damit sie ihre eigene, authentische, regionale Kultur leben können und sie nicht als wirtschaftliche Ressource an Medienkonzerne verhökern.

Das Gespräch führte

Markus Albers