Welt am Sonntag

Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt

Viele Gründer sehen die Krise als Chance. Mit Mut und cleveren Ideen wollen sie Wege ebnen für ein Wirtschaftwunder von morgen

Erschienen:

  • 6. Juli 2003

Ko-Autorin:

  • Cornelia Schmergal
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Entschuldigung, das hier soll ein Gründer sein? Einer jener Dynamiker, die Deutschland aus der Depression reißen, die Innovationen generieren, Arbeitsplätze schaffen? Unrasiert, in T-Shirt und Jeans lungert Holger In’t Veld auf einem Korbstuhl vor seinem Laden, lächelt verträumt. „Ein bisschen wahnsinnig“ sei sein Projekt schon, sagt er.

Dann erzählt der 34-Jährige, wie er Unternehmer wurde. In’t Veld war Werbetexter und Journalist, schrieb für renommierte Titel. Das hat er aufgegeben, für immer. Er sei kein „Cheftyp“ und die alte Branche ein „Haifischbecken“. Seit ein paar Monaten verkauft Holger In’t Veld Schokolade.

In seinem kleinen Laden im Berliner Szene-Stadtteil Prenzlauer Berg führt er edle, importierte Leckereien aus Frankreich, Italien, den USA. Teure Tafeln, die es nicht mal in der gut sortierten Lebensmittelabteilung des KaDeWe gibt. Das Gute an seinem Geschäft sei, „dass man nicht von Synergieeffekten und anderem Marketingkram erzählen muss“. Warum das Produkt Sinn mache, verstehe man sofort. „Schokolade mag jeder.“

Da spricht ein Vertreter jener Generation der um die 30-Jährigen, die einmal zu oft enttäuscht wurden. Von Chefs, von Anlageberatern, von Politikern. Das Platzen der Internetblase hat sie Geld gekostet, die darauf folgende Wirtschaftskrise ihnen oft genug den Job. Sie sind meist flexibel, leistungsbereit, gut ausgebildet. Doch in der Baisse sitzen sie als kinderlose Singles zuerst auf der Straße.

Viele Junge, die noch einen Job haben, erledigen ihn abgeklärt und ohne übertriebene Loyalität. Sie wissen längst, dass es die Anstellung fürs Leben nicht mehr gibt. Dass sie vielleicht schon mit dem nächsten Strategiewechsel der GeschaÅNftsführung abgewickelt werden. Weil sie ihren Bossen nicht trauen, werden sie immer öfter lieber gleich ihr eigener Chef – sie machen sich selbstständig. Getreu dem größten Hit der Gruppe Geier Sturzflug: „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt.“

„Viele wollen die Beständigkeit ihres Arbeitsplatzes nicht mehr anderen überlassen“, sagt Marcus Schneider, Vorsitzender des Bundesverbandes Junger Unternehmer: „Und die vorhandenen Job-Angebote sind oft deprimierend oder die Suchenden überqualifiziert. Gerade Letztere stecken ihre Energie lieber in ein eigenes Projekt.“ So sorgt die Wirtschaftskrise paradoxerweise für erstarkenden Unternehmergeist: 452 000 Firmen wurden im vergangenen Jahr gegründet – macht bei 389 000 Pleiten im selben Zeitraum immer noch ein Plus von 63 000.

Die Bundesregierung schreibt sich das auf die eigene Fahne: „Deutschland bewegt sich“, befand Gerhard Schröder diese Woche im Bundestag – nur wenige Kilometer vom Schokoladengeschäft entfernt. Schon im nächsten Jahr, so verkündete der Kanzler in seiner Regierungserklärung, werde der Arbeitsmarkt in Deutschland so offen und anpassungsfähig sein wie nie in den vergangenen Jahrzehnten. Schon jetzt sei die Förderung der Selbstständigkeit durch die Ich-AG ein Angebot, dass „sehr stark angenommen werde“.

Auch seine anderen Vorhaben ratterte Schröder stichwortartig herunter: Novelle der Handwerksordnung. Flexibilisierung beim Kündigungsschutz. Bürokratieabbau. Und schließlich müssten die kleinen Unternehmen im nächsten Jahr im Schnitt zehn Prozent weniger Steuern zahlen.

Jahrelang hatte die Bundesregierung die Kleinunternehmer ignoriert. Doch seit sich die Arbeitslosenzahl der Fünf-Millionen-Marke nähert, sind Existenzgründungen auch politisch en vogue und förderungswürdig. Nicht zuletzt deshalb, weil ein erfolgreicher Gründer nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik auftaucht.

Und die Chancen stehen für angehende Selbstständige gar nicht so schlecht. In der Baisse sind die Mieten günstig und Arbeitskräfte verfügbar. Außerdem können freche Neulinge gerade in Zeiten des Umbruchs etablierten Firmen Marktanteile abluchsen. Tatsächlich geht da ein eigenwilliger kleiner Ruck durch Deutschland. Gesunder Zynismus kennzeichnet die neuen Gründer eher als Euphorie, lebenskluge Entspanntheit eher denn überspannter Ehrgeiz. Die roboterhafte Arbeitsethik der 80er und die verschwitzte Gier des Internet-Booms in den 90ern haben im Deutschland der Rezession realistischen Konzepten Platz gemacht, gesundgeschrumpften Geschäftsmodellen und pragmatischen Selbstverwirklichern.

„In guten Zeiten kann jeder gründen. Aber die Krise schärft die Sinne“, sagt Michael Seyler von der Deutschen Ausgleichsbank (DtA), bei der angehende Unternehmer günstige Kredite bekommen können. Schneider assistiert: „In Krisenzeiten sind die Projekte viel durchdachter und die Leute entschlossener. Wer sich jetzt behauptet, wird beim wirtschaftlichen Aufschwung ganz vorn mitschwimmen.“

Bis dahin muss man aber erst mal durchhalten. Der 31-jährige Felix Appelius, der sich im September 2001 mit einem Catering-Service selbstständig machte und schon mal schicke Champagner-Partys von Moët Hennessy mit Kanapees versorgt, will sich „von der Krise nicht verrückt machen lassen“. Aber der ehemalige Geschäftsführer von Ben Beckers Bar „Trompete“ berichtet von einer Durststrecke und knauserigen Kunden. Alle zwei Wochen brät der Mann, der früher im Münchner „Kempinski“ und im Londoner „Savoy-Hotel“ gearbeitet hat, nun Cheeseburger vor einem Berliner Szene-Club. „Besser Ideen haben und in Bewegung bleiben als die Hände in den Schoß zu legen und zu jammern“, sagt er.

Solches Stehvermögen schätzt Heiko Bergmann von der Uni Köln, der am deutschen Teil des „Global Entrepeneurship Monitor“ mitarbeitet, einer Studie, die weltweit Selbstständige zählt: „Wer sich jetzt durch große Schwierigkeiten durchbeißt, ist in zwei Jahren gut aufgestellt.“ Und bestimmte Branchen seien gerade in der Krise gefragt: All jene, die mit Sparen zu tun haben, also „Beratung, Rationalisierung oder einfach dem Wiederauffüllen von Tonerkartuschen“. Geiz ist derzeit eben auch in der Wirtschaft geil.

Kurt Freiherr von Wilmowsky ist so ein Gründer. 17 Jahre lang arbeitete der 48-Jährige mit dem faltenlosen Gesicht und der jungen Stimme in internationalen Banken und Industrieunternehmen, dann meldete das Münchner New-Economy-Start-up, bei dem er zuletzt angeheuert hatte, Konkurs an. Seit kurzem arbeitet er freiberuflich. Großunternehmen beschäftigen solche „Treasurer“ fest, nun können auch Mittelständler Wilmowskys Wissen mieten – für 1100 Euro Tagessatz regelt er Probleme mit Banken oder legt Geld an. Die Krise zwang Wilmowsky in die Selbstständigkeit, aber sie ist auch seine Chance: „In wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist es für Unternehmen besonders wichtig, Einsparmöglichkeiten zu finden.“

Der Kölner Gründungsforscher Heiko Bergmann warnt allerdings vor zu viel Freude am neuen Wirtschaftswunder. Gründungen aus Not hätten zugenommen, häufig seien es Arbeitslose, die sich mangels Alternative mit mageren Fördergeldern des Arbeitsamtes als Unternehmer versuchten. Diese Ich-AGs, die der „Stern“ vergangene Woche noch als „neue Chance“ pries, haben bei den meisten Experten und Politikern keinen guten Ruf. Von 240 Euro im Monat auch noch Beiträge in die Rentenversicherung zahlen zu müssen, taugt kaum, ein florierendes Gewerbe anzuschieben. Und nicht jede geschasste Kellnerin, die ein Modelädchen aufmacht, wird später zur neuen Jil Sander.

Von „diesen ganzen kleinen Boutiquen und Kneipen“ hält Gründungsforscher Reinhold Grotz von der Uni Bonn sowieso nichts. Die schafften keine Arbeitsplätze und überlebten häufig nur, weil der Ehemann die Selbstverwirklichung der Gattin subventioniere, um Steuern zu sparen – ein hässliches Klischee, das laut Grotz aber oft zutrifft.

Oppositionspolitiker sehen Jungunternehmer sowieso mit angezogener Handbremse starten: „Wer sich bei diesem grün-roten Bürokratiedschungel und dieser hohen Steuer- und Abgabenlast selbstständig macht, muss mutiger sein als alle anderen“, sagt FDP-Vize Rainer Brüderle. Der stellvertretende CDU-Fraktionschef Friedrich Merz geht noch weiter: „Solange nicht Sicherheit und Klarheit bestehen über die Rahmenbedingungen, werden auch Existenzgründer nicht den notwendigen Mut finden.“

Hindernisse beim Sprung ins Arbeitgeberlager gibt es tatsächlich viele. „Deutschland ist im europäischen Vergleich eines der wenigen Länder, die überhaupt keine steuerlichen Anreize für Investoren bieten“, kritisiert Holger Frommann, GeschaÅNftsführer des Venture-Capital-Verbandes BVK. Zudem machen es Bankenkrise und eine neue, strenge Branchenvereinbarung namens „Basel II“ für junge Unternehmer zunehmend schwer, an Kredite zu kommen. Ohne Zustimmung der Hausbank fließt aber auch kein Fördergeld vom Bund.

Um hier Abhilfe zu schaffen, hat sich in Halle die KMU Genossenschaft für Mittelstandsförderung gegründet. Die sammelt in Fonds Geld „aus der Region für die Region“ ein, sagt Marketingchef Jochen Kolb. So kam zum Beispiel der abgebrochene BWL Student Matthias Schmidt zum Internet-Café „Cockbit“ in Halle „Ich habe meinen Traum verwirklicht“, sagt der 30-Jährige. Die Bank wollte kein Geld geben, dabei beschäftigt Schmidt nach anderthalb Jahren heute schon einen festen Mitarbeiter und drei Aushilfen. Die KMU glaubte an sein Konzept, schoss 85 000 Euro vor, übernahm die Buchhaltung. Das sei in Deutschland einzigartig, sagt Kolb, aber nachahmenswert, denn: „Die Kleinen sind für Banken uninteressant.“

Schokoladenhändler Holger In’t Veld hat gar nicht erst bei Hausbank oder DtA gefragt. „Die hätten mir bestimmt nicht zugetraut, Buchhaltung zu können“, sagt er. 15 000 Euro Startkapital lieh er sich vom Bruder. Womöglich keine schlechte Investition. Hinter der ausgestellten Lässigkeit des Einzelhändlers verbergen sich Ambitionen: Eine Mitarbeiterin hat er schon, zwei Filialen will er noch gründen und sich irgendwann den größten Wunsch erfüllen: Unter seinem Familiennamen eigene Schokolade produzieren.