Welt am Sonntag

Künstlerischer Erstschlag

Die US-Regierung fordert Hollywood zum gemeinsamen Kampf gegen den Terror auf. Die ersten Ergebnisse: Kriegsfilme und Computerspiele

Erschienen:

  • 23. Dezember 2001

In der Unterhaltungsindustrie gibt es Liberale, Freigeister, Linke gar. John Milius gehört nicht dazu. Das nach seinem Drehbuch entstandene Vietnam-Epos "Apocalypse Now" gilt zwar zu Recht als Anti-Kriegsfilm, was aber weniger Milius' Vorlage geschuldet ist als vielmehr den erheblichen Änderungen von Regisseur Coppola. Seine eigentliche politische Präferenz offenbarte John Milius fünf Jahre später mit "Die Rote Flut", einem kruden Machwerk im Geist des Kalten Krieges, in dem US-Teenager ihre Heimat gegen russische Invasoren verteidigen.

Derzeit leistet Milius selbst seinen Beitrag, die Wehrhaftigkeit der USA zu erhöhen. Der Mann, der in Hollywood den Spitznamen "General Milius" trägt, berät das Institute for Creative Technology (ICT) in Los Angeles. Diese Abteilung der lokalen Universität wurde 1999 mit einer Spende der US Army in Höhe von 45 Millionen Dollar gegründet. Die Militärs versammeln dort Kreative aus der Filmbranche, Videospiel-Entwickler und Computer-Experten, um realistische Übungsszenarien für ihre Soldaten zu entwickeln.

Milius und seine Kollegen arbeiten also an Simulationen moderner Schlachtfelder, um Spezialeinheiten wie in Afghanistan auf ihren Einsatz vorzubereiten. ICT-Geschäftsführer Richard Lindheim freut sich über seinen kompetenten Mitarbeiter: "John Milius hat mit seiner Arbeit ein tiefes Verständnis des menschlichen Charakters gezeigt. Er weiß, wie Konflikte gelöst werden können." Vielleicht sollte man erwähnen, dass Milius für Filme wie "Conan, der Barbar" und "Dirty Harry" verantwortlich ist. Lindheim: "John kennt die Techniken, um unsere Welt sicherer zu machen."

Andere ICT-Berater aus Hollywood sind der ideologischen Verblendung weniger verdächtig. Immerhin - Lindheim nennt sie alle "große Patrioten": Paul Debevec, der die Spezialeffekte des Science-Fiction-Films "Matrix" gestaltete, arbeitet ebenso dort wie Herman Zimmerman, Innenarchitekt des "Raumschiff Enterprise". Kürzlich wurde das erste Ergebnis der fruchtbaren Zusammenarbeit von Kreativen und Kämpfern angekündigt: Es sind zwei Videospiele.

Beim so genannten Taktik-Shooter "C-Force" steuert man eine Spezialeinheit von Soldaten, die zum Beispiel Terroristen in einem Gebäude bekämpfen. "C-Force" dürfte dem populären "Quake" ähneln, das schon heute auf vielen PCs in Kinderzimmern und Büros läuft. Gekämpft wird aus der Sichtperspektive eines Kriegers, der sich in unbekannter Umgebung orientieren und mit Hilfe seines beeindruckenden Waffenarsenals plötzlich auftauchende Gegner erschießen muss.

Außerdem entwickelt ICT die Echtzeit-Strategie "CS XII", eine Variante gängiger Spiele wie "Commandos", bei denen nicht im Nahkampf gemeuchelt wird, sondern im großen Maßstab militärische Einsätze geplant werden müssen - keine Anleitung für den einfachen Schützen, sondern seinen Vorgesetzten.

Natürlich finanziert die US-Armee kein Spielzeug - es ist gerade umgekehrt. Mit den Spielen sollen vor allem Soldaten üben. Weil aber die Entwicklungskosten für realistische dreidimensionale Kampf-Simulationen immens hoch sind, spart die Doppelverwertung im Kinderzimmer viel Geld. "Der Spieler unterstützt so direkt die Rüstungsindustrie", kommentiert der deutsche Computer-Fachdienst Heise.

Dem passionierten Waffensammler John Milius sind solche Skrupel fremd. "Ich wollte immer zum Militär", sagt er, "aber ich hatte Asthma und durfte darum nie dienen." Mit seinen Filmen, in denen - vorsichtig ausgedrückt - Gewalt sehr gut als Problemlösung funktioniert, holte er das nach. Ein anderer Spitzname von Milius in Hollywood lautet: "der Hermann Göring der Regisseure".

Beim ICT meldete er sich im vergangenen Jahr freiwillig zum Dienst an der virtuellen Waffe. "Als das Projekt startete, bat ich die Army, mich einzuziehen. Sie hat es getan, und es ist eine Ehre." Das Branchen-Blatt "Hollywood Reporter" höhnte daraufhin: "Nun, da John Milius seinen Beratervertrag beim ICT unterschrieben hat, können wir alle nachts besser schlafen."

Nach den Anschlägen vom 11. September entwickelten die Armeeberater aus der Traumwerkstatt Szenarien für zukünftige Terrorattacken. Die nötige Kompetenz war wohl da: Neben Milius arbeitet auch Steven De Souza für das ICT, Drehbuchautor des Films "Stirb langsam", in dem Bruce Willis mit einer Bande Terroristen aufräumt.

Auch in den Filmstudios selbst ist Patriotismus derzeit wieder en vogue. Der Sender ABC warf eine FBI-kritische Serie aus dem Programm - Regisseur John Ridley: "Niemand darf derzeit über Fehler der Regierung sprechen." Drehbuchautor John Hensley musste das Skript für einen Disney-Film über korrupte US-Agenten umschreiben: "Kein Schauspieler würde jetzt eine solche Rolle spielen."

Dafür wurde der Kinostart zweier vor dem 11. September gedrehter Militärfilme vorgezogen: "Black Hawk Down" (über die US-Intervention in Somalia) und "Behind Enemy Lines" (über die Rettung eines in Bosnien abgestürzten US-Piloten). Mit Erfolg: Letzterer spielte am ersten Wochenende satte zwanzig Millionen Dollar ein, Platz zwei hinter "Harry Potter". Unter dem Titel "Im Fadenkreuz - allein gegen alle" kommt der mit einem schmissigen Techno-Soundtrack unterlegte Streifen am 31. Januar in deutsche Kinos.

Nachschub ist in Arbeit: Disney bereitet "The Alamo" vor, in dem sich eine Gruppe heldenhafter Texaner einer mexikanischen Armee entgegenstellt. Warner Brothers sucht nach einem neuen "Rambo"-Stoff. Doch diese Projekte sind wohl eher kommerziell motiviert als aus überbordendem Nationalgefühl gespeist. Die US-Regierung verlangte kürzlich, in Film-Projekten die USA und "amerikanische Werte" zu fördern. Bei zwei Treffen versprachen die Studiobosse den Vertretern des Weißen Hauses aber lediglich, Kurzfilme zu produzieren. Erstes Ergebnis: In dem dreiminütigen Werbespot "The Spirit of America" montiert Regisseur Chuck Workman Szenen aus US-Klassikern wie "Citizen Kane", "Easy Rider" oder "Blues Brothers". Er will damit "Helden wider Willen" zeigen, die seien symbolisch für die Rolle der USA im Krieg gegen den Terror.

Es werde jedoch "keine Propaganda" auf Spielfilmlänge geben, sagt Jack Valenti, Chef der Studio-Organisation Motion Picture Association of America. "Uncle Sam ruft Hollywood, aber Hollywood hat Bedenken", kommentiert die "Los Angeles Times". Tatsächlich: "Die Leute im Weißen Haus behaupten, sie seien keine Zensoren", sagt Regisseur Oliver Stone, "ich bin da anderer Meinung." Robert Redford warnt: "Hollywood darf keine Propagandamaschine für die US-Regierung werden."

Die Verhältnisse in der Filmindustrie sind heute anders als zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Damals gab es ein klares Kriegsziel und einen eindeutig identifizierbaren Gegner. Die Studios waren unabhängige Unternehmen, geleitet vorwiegend von jüdischen Einwanderern, die sich als gute Amerikaner profilieren wollten. Allein 1940/41 brachte Hollywood drei Dutzend Filme über den Krieg in die Kinos: John Wayne, der vom Wehrdienst befreit war, erstürmte auf der Leinwand Iwo Jima. Selbst Tarzan legte sich mit Nazis an.

Heute sind Hollywood-Studios meist Töchter internationaler Medienriesen, und die achten darauf, dass ihre Produkte auch Menschen in Berlin und Bogotá ins Kino locken. Der Kriegsfilm "Pearl Harbor" wurde in Japan über seine Liebesgeschichte vermarktet. Roland Emmerich durfte für "The Patriot" nicht mit Plakaten werben, auf denen die amerikanische Flagge erschien. Bei "Independence Day" johlten auch in den USA Zuschauer begeistert, als Außerirdische das Weiße Haus pulverisierten.

Da fällt es schwer, an patriotische Traditionen anzuknüpfen. Immerhin: Die Stars der Gaunerkomödie "Ocean's Eleven" - Julia Roberts, Brad Pitt und George Clooney - reisten kürzlich zur Truppenbetreuung in die Türkei.

Derweil müssen US-Soldaten auf die von Milius und seinen konservativen Kreativen entwickelten Videospiele noch warten - die erste Simulation wird in einem Jahr fertig sein. ICT-Geschäftsführer Lindheim prognostiziert denn vorsichtshalber auch zivilen Nutzen: "Sie sind nicht nur Trainingshilfe für Offiziere, sondern bringen jungen Spielern bei, mit Menschen und Informationen umzugehen - das wird ihnen später im Job helfen."

Die militärische und die kommerzielle Version sollen weitgehend identisch sein. "Was die Infanterie tut, ist bekannt, unterliegt also keiner Geheimhaltung", sagt ein Armeesprecher. Doch damit sich Hobby-Generäle angesichts allzu realistischer Darstellung nicht langweilen, ist ein Unterschied schon beschlossen: In der Kinderzimmer-Version werden die Explosionen imposanter ausfallen.

Mitarbeit: Helmut Voss