Welt am Sonntag

„Maschinen sind Ausdruck von Menschlichkeit“

Von der „Generation X“ zum Familienroman: Douglas Coupland über den Kalten Krieg, sein Talent, in die Zukunft zu schauen, und Hunde in fahrenden Autos

Erschienen:

  • 6. Oktober 2002

Fotos:

  • Mark Gilbert
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WELT am SONNTAG: Herr Coupland, Sie haben bislang gerne über eigensinnige, meist junge Einzelgänger geschrieben. Ihr neuer Roman dreht sich erstmals um mehrere Generationen einer Familie. Werden Sie erwachsen?

Douglas Coupland: Die Antwort steckt in Ihrer Frage – etwa 75 Prozent der menschlichen Persönlichkeit sind von Geburt an festgelegt. Die Familie prägt die restlichen 25 Prozent. Um etwas über eigenwillige Individuen herauszufinden, muss man sich also mit deren Verwandten beschäftigen.

WamS: Die Familienmitglieder in Ihrem Buch kümmern sich rührend umeinander ...

Coupland: ... wie bitte?!

WamS: ... während sie sich gleichzeitig schreckliche Dinge antun: Sie prügeln und beschimpfen sich, schießen aufeinander, stecken sich sogar gegenseitig mit Aids an ...

Coupland: ... na, das trifft es schon eher, würde ich sagen ...

WamS: ... ein typisches Phänomen?Der Titel des Buches lautet immerhin: „Alle Familien sind verkorkst“.

Coupland: Oh ja, völlig typisch. Wir richten den meisten Schaden an, wenn wir versuchen, hilfsbereit zu sein und das Richtige zu tun.

WamS: Bei Lesern, aber auch Rezensenten, ist es üblich geworden, im Werk nach autobiografischen Hinweisen auf den Autor zu suchen ...

Coupland: ... ich weiß und halte das für komplette Zeitverschwendung. Am Ende kann man sich nur am Werk selbst orientieren. Denn wenn es so funktionierte – was würde das über Schreiber von Mordgeschichten oder Vampirbüchern aussagen?

WamS: Andererseits ...

Coupland: ... andererseits ist alles, was man als Schriftsteller zu Papier bringt, komplett autobiografisch – selbst banale Dinge wie Einkaufslisten oder Gekritzel auf Post-It-Zetteln. Aber da der Leser nie herausfinden wird, wo der Report aufhört und die Phantasie beginnt, muss er sich eben mit dem Werk zufrieden geben.

WamS: Gerade die fein beobachteten alltäglichen Details in Ihren Büchern wirken wie selbst erlebt. Stört es Sie, ständig mit den perspektivlosen Jugendlichen in „Generation X“ gleichgesetzt worden zu sein?

Coupland: Es stört mich nicht, aber ich bleibe eben unsicher, wie hilfreich diese Technik ist.

WamS: Dennoch legt das aktuelle Buch Fragen nach Ihrer Familie nahe. Allerdings wissen wir, dass Sie nicht gerne über Ihr Privatleben sprechen...

Coupland: Meine Freunde und Familienmitglieder haben mit mir eine Art Vertrag ausgehandelt, wie viel Material aus ihrem Leben ich veröffentliche. Bevor wir uns darauf geeinigt haben, gingen meine zwischenmenschlichen Beziehungen durch die eine oder andere unnötige Katharsis.

WamS: Demnach haben Sie tatsächlich Geschichten aus Ihrem Freundeskreis ausgeplaudert?

Coupland: Sagen wir: Zum Glück ist mein Verhältnis zu anderen heute ziemlich gesund. Aber das funktioniert eben nur, weil ich inzwischen ihre Privatsphäre respektiere.

WamS: Lassen Sie uns trotzdem einen Versuch starten: Sie haben einmal über Ihre Verwandtschaft gesagt: „Wir haben unsere Probleme“ sowie: „Meine Familie ist so was von kaputt.“

Coupland: Nun ja, das ist sie. Also wir sind es. Aber jetzt hier einzelne Dramen herauszugreifen hilft niemandem und befriedigt nur das Bedürfnis Ihrer Leser nach Klatsch. Ich will mal so viel verraten: Die Figur der Janet im Buch ...

WamS: ... die Mutter, die sich – obwohl aidskrank – selbstlos aufopfert und die Familie mit ihrer Liebe zusammenhält ...

Coupland: ... Janet ist ziemlich genau wie meine eigene Mutter. Sie ist die einzige Figur, die ich jemals komplett nach einer realen Person gezeichnet habe. Alle anderen Charaktere im Buch sind Produkte meiner Phantasie.

WamS: Sie wurden als Sohn eines in Deutschland stationierten kanadischen Soldaten in Bad Söllingen geboren. Welche Erinnerung haben Sie an Ihre frühe Kindheit?

Coupland: Wie bei den meisten Soldatenfamilien dieser Ära hat der Kalte Krieg uns psychologisch stark mitgenommen. Zivile Familien tendierten dazu, naiverweise anzunehmen, es habe zu keinem Zeitpunkt irgendeine Bedrohung gegeben. Unsere Familie war dagegen immer auf der Hut, weil die Katastrophe schon hinter der nächsten Ecke lauern konnte. Wir Couplands sind nicht nihilistisch oder fatalistisch – wir sind pragmatisch. Wir wappnen uns gegen Möglichkeiten, nicht gegen Absichten.

WamS: Immer auf das Schlimmste vorbereitet sein?

Coupland: Der Terror vom 11. September hat unsere Haltung nur bestätigt. Mein Vater quittierte den Militärdienst in den 60er-Jahren, aber diese Dunkelheit verließ uns nie. Vor ein paar Jahren habe ich meiner Mutter ein Stück der Berliner Mauer zu Weihnachten geschenkt. Sie ging in die Küche und weinte.

WamS: Sind Sie später noch einmal nach Deutschland zurückgekehrt?

Coupland: Im Sommer 1980 habe ich in Sindelfingen bei Stuttgart in einem Daimler-Benz-Werk ausgeholfen. Einen willkürlicheren Ferienjob kann man sich nur schwer vorstellen. Ich war damals jünger und dachte, meine Beziehung zu Deutschland lasse sich auf diese Weise einfach wiederherstellen, wie in einem Ferienlager. Falsch. Der Job entpuppte sich in vielerlei Hinsicht als Desaster. Das Gute daran war, dass ich Europa vor der Globalisierung erleben konnte.

WamS: Kaum eine amerikanische oder britische Rezension Ihres Buches kam ohne das Tolstoi-Zitat aus, „jede unglückliche Familie“ sei „auf ihre eigene Weise unglücklich“. Geschmeichelt, mit dem alten Meister verglichen zu werden?

Coupland: Nicht besonders. Ich nehme an, das illustriert einfach die Zeitlosigkeit des Familiendramas als literarisches Genre.

WamS: Trotzdem fällt auf, dass derzeit viele Familienromane erscheinen: Jonathan Franzens „Die Korrekturen“, Ihr eigenes Buch ... Sehnen sich die Leser angesichts von Terror und Kriegsgefahr nach dem Trost des Vertrauten?

Coupland: Diese Bücher sind ja vor dem 11. September geschrieben worden. Es liegt nur am Timing, dass der Eindruck eines Trends entsteht.

WamS: Sie haben wenig Lust, über die kulturellen Folgen des 11. September zu sprechen?

Coupland: Wissen Sie was – ich kann es nicht mehr hören. Aber eine Frage treibt mich um, die niemand sonst stellt: Bei allem nötigen Respekt, aber wann HÄTTEN die Türme des World Trade Center denn zusammenstürzen sollen? Im Jahr 2045? Oder 2183? Haben wir überhaupt eine Ahnung, WIE wir all die zehntausende von schweinehässlichen Hochhäusern in Nordamerika abreißen können?

WamS: Herr Coupland, Sie reden sich in Rage...

Coupland: Genau das ist die dunkle Seite der Moderne: Welche Arroganz, anzunehmen, dass diese Dinger für alle Ewigkeit stehen. Ein anderer Gedanke kam mir, als ich nach dem 11. September in einem Hotel festsaß, dessen einzige andere Gäste Claudia Schiffer und Salman Rushdie waren: Ökologen behaupten, das Beste für unseren Planeten wäre, wenn alle Menschen zehn Jahre lang am selben Fleck blieben, nicht reisten. Jeder würde sich um die lokale Gemeinschaft und das Ökosystem vor Ort kümmern...

WamS: ... ein eher abseitiger Gedanke ...

Coupland: ... ich könnte stundenlang über dieses Thema sprechen ... nur keine Angst – das werde ich nicht. Aber stellen Sie sich vor: Salman, Claudia und ich züchten Tomaten auf der Autobahn, die wir in einen riesigen Garten verwandelt haben.

WamS: Man merkt, dass Sie sich gerne Zukunfts-Szenarien ausdenken. Stimmt es, dass Sie nebenher als Futurist arbeiten?

Coupland: Der einzige größere Auftrag kam von Steven Spielberg für seinen aktuellen Film „Minority Report“.

WamS: Was qualifiziert Sie – neben Ihrer offensichtlich lebhaften Phantasie – für den Job?

Coupland: Die Gehirne der meisten Menschen fangen an zu kochen, wenn sie sich auch nur die Zeit nach 2012 vorstellen sollen. Ich hingegen kann – wie ein verrückter Gelehrter – einfach mal 1000 Jahre nach vorne springen, ohne dass mein Schädel frittiert.

WamS: Verraten Sie uns Ihre Technik?

Coupland: Versuchen Sie sich das Heute so zu denken, als wären es die Ruinen der altrömischen Stadt Herculaneum bei Pompeji. Das ist der beste Trick und wirklich kinderleicht.

WamS: Die zukunftsgläubige Internet- und Computerindustrie, über die Sie so informiert geschrieben haben, steckt in der Krise ...

Coupland: Aber die damit einhergehende zynische Unternehmenskultur ist voll intakt: junge, naive Mitarbeiter an Schreibtische zu ketten und mit Süssigkeiten, Tischtennis und „Spaß“ ruhig zu stellen.

WamS: Hat Ihnen der Zusammenbruch der New Economy persönlich weh getan?

Coupland: Ich habe nie einen Penny an der Börse investiert und werde es nie tun. Das ist eine parasitäre Art, Geld zu verdienen. Aktien machen Menschen faul und hindern sie daran, ihren freien Willen und ihr kurzes Leben für Sinnvolles einzusetzen.

WamS: Dennoch wirken Sie ziemlich versessen auf technologische Aspekte des Sozialen: Im neuen Buch beschreiben Sie, wie das Internet Menschen zusammenbringt.

Coupland: Versessen würde ich das nicht nennen. Aber mich interessiert die latente Humanität, die aus Menschen herausbricht, sobald sie die technischen Möglichkeiten dazu haben. Ich kenne vier verheiratete Paare, die sich im Internet kennen gelernt haben. Ich kenne zwei Menschen mit einer seltenen Krankheit, deren Leben komplett verändert ist, seit sie online Kontakt zu Leidensgenossen haben. Mein Interesse ist also nicht willkürlich: Maschinen können immer nur Ausdruck und Medium unserer Menschlichkeit sein.

WamS: Sie freuen sich daran, wenn Technik auf ursprünglich ungeplante Weise genutzt wird?

Coupland: So ist es. Als das Auto erfunden wurde, ahnte auch niemand, dass Hunde ihre Köpfe gerne bei 30 km/h aus dem Fenster stecken würden.