Welt am Sonntag

"Nur eine Weltregierung rettet unsere Zivilisation"

Der Philosoph Richard Rorty gilt als der größte Moralist der Gegenwart. Ein Interview über Gen-Technologie, Pazifismus und das Ende der Welt

Erschienen:

  • 2. Dezember 2001
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WELT am SONNTAG: Herr Rorty, vor einigen Tagen haben US-amerikanische Forscher den ersten menschlichen Embryo geklont. Ist damit ein ethischer Damm gebrochen?

Richard Rorty: Ich fühle keinen metaphysischen Horror. Es könnte sein, dass man phantastische medizinische Ergebnisse erzielen kann, indem man Gewebe von Embryonen einsetzt, um Menschen mit Parkinson oder Alzheimer zu behandeln. Es wäre nicht gut, diese Forschungen voreilig zu verbieten.

WamS: Sie haben keine moralischen Bedenken?

Rorty: Manche fürchten offenbar, dass Wissenschaftler durchdrehen und ihre neue Macht zum Schlechten einsetzen. Aber vielleicht definieren wir einfach, dass der Embryo für die ersten paar Monate nicht als menschliches Leben gilt. Danach muss Schluss mit solcher Forschung sein. Aber in den ersten – sagen wir zwei – Monaten sollen die Wissenschaftler ruhig ein wenig mit den menschlichen Stammzellen herumspielen. Mal sehen, was passiert.

WamS: Manche Forscher könnten in ihrem Ehrgeiz nicht zu stoppen sein.

Rorty: Man kann sie doch dazu zwingen. In Deutschland ist im Bereich der genetischen Forschung vieles verboten, was Wissenschaftlern in den USA erlaubt ist. Vielleicht ändern wir ja unsere Gesetze nach deutschem Vorbild, aber ich hoffe, dass wir damit noch warten.

WamS: Ein Diktator könnte sich eine Klon-Armee züchten.

Rorty: Vermutlich, aber kein Gesetz, das wir in den USA oder Deutschland erlassen, wird ihn daran hindern.

WamS: Dazu bräuchte es eine globale Ächtung.

Rorty: Es wäre auch schön, eine globale Ächtung von biologischen Waffen zu haben, aber wie stellen wir das an?

WamS: Sie haben oft eine Weltregierung gefordert ...

Rorty: Das ist die einzige Hoffnung für die Zivilisation. Wenn wir nicht ziemlich bald schlagkräftige und konsensfähige globale Institutionen haben, ist es zu spät. Dann wird die Dritte Welt mit nuklearen und biologische Waffen Rache an den Industrienationen nehmen.

WamS: Eine Weltregierung – das klingt nach Science-Fiction.

Rorty: Das tat die EU im Jahr 1945 auch. Ich hätte nie gedacht, dass ich noch eine europäische Einheits-Währung erlebe.

WamS: Wann erwarten Sie solch ein globales Parlament?

Rorty: Stellen Sie sich vor, dass es immer mehr Terrorismus geben wird, der immer mehr Länder destabilisiert. Das wahrscheinlichste Ergebnis davon wären Faschismus und Militärregierungen in den betroffenen Nationen. Aber es ist auch vorstellbar, dass die Welt vor lauter Angst zu einer Art gemeinsamer Organisation findet.

WamS: In zehn Jahren, hundert Jahren?

Rorty: Keine Ahnung. Ich greife da nach Strohhalmen. Beim Lesen von Science-Fiction-Literatur fällt auf, dass in positiven Utopien bis zum Ende des 21. Jahrhunderts eine Weltregierung installiert ist. Alle anderen enden im Desaster. Die Autoren haben Recht.

WamS: Politiker sollten mehr Fantasy-Bücher lesen?

Rorty: Würde nicht schaden.

WamS: Wecken Gen-Debatte, Terror und Krieg bei den Menschen neues Interesse an Ethik?

Rorty: Das kann ich nicht erkennen. Die Menschen fragen sich ständig, welche Entscheidung richtig und falsch ist. Für die Öffentlichkeit ist ein ethisches Problem eine praktische Situation, die sie nicht vorausgesehen hat. Und nun weiß sie nicht, was sie tun soll. Gentechnik ist so ein Beispiel.

WamS: Von Philosophen werden Antworten erwartet.

Rorty: Aber die Frage, ob ich mir eine Eizelle aussuchen darf, reizt mich nicht besonders. Das wird im Verlauf experimenteller Praxis geklärt werden können. Für mich ist das kein wirklich schweres ethisches Dilemma. Dazu müsste es auf beiden Seiten gleichgewichtige Argumente geben und es müsste ein sehr dringendes Thema sein. Ich kann höchstens helfen, die schwersten Dilemmata zu identifizieren, denen die Menschheit derzeit ausgesetzt ist (siehe Kasten unten). Lösungen dafür zu finden ist dann ein gesellschaftlicher Prozess, nichts, was Philosophie leisten könnte.

WamS: Wenn Sie morgen in Berlin den Meister-Eckhart-Preis bekommen, hält Jürgen Habermas die Laudatio. Mit dem teilen Sie einen grundsätzlichen Optimismus: Eine Gesellschaft, die freien Diskurs garantiert, entwickelt sich zum Besseren.

Rorty: Habermas und ich sind uns eigentlich nur in einem Punkt uneinig. Das ist die Notwendigkeit universaler Kriterien für moralisch richtiges Handeln.

WamS: Was heißt das?

Rorty: Habermas glaubt mit Kant, dass der Mensch vernünftig ist. Was uns Kriterien für die Bewertung an die Hand gäbe, ob eine Handlung moralisch ist oder nicht. Diese Kriterien seien unabhängig von Kultur oder Geschichte, sozusagen eingebaut in die Art, wie wir denken und wie wir Sprache benutzen ...

WamS: ... bei Kant führt das zum berühmten „kategorischen Imperativ“: Eine Handlung ist dann moralisch gut, wenn die ihr zu Grunde liegende Regel jederzeit als allgemein gültiges Gesetz gelten könnte.

Rorty: Ich meine, dass wir auch ohne universelle Kriterien ganz gut zurechtkommen.

WamS: Wenn wir Ihre Bücher richtig verstehen, speist sich Ethik für Sie nicht aus dem rationalen Wesen des Menschen, sondern aus Intersubjektivität. Die Gesellschaft verständigt sich permanent, nach welchen Werten sie leben will.

Rorty: Liebe zur Wahrheit sollte als Liebe zum Gespräch verstanden werden. Als Wunsch, unsere politischen Ansichten, wissenschaftlichen Theorien und bevorzugten Kunstwerke mit denjenigen anderer Leute zu vergleichen und Differenzen auszuräumen. Anders als Tiere benutzt der Mensch Sprache, um seine Welt zu beschreiben. Warum? Weil er so seine Lebensbedingungen verbessert.

WamS: Welche Rolle spielen Philosophen dabei?

Rorty: Sie können nur helfen, ein neues Vokabular für das Gespräch zu finden. Metaphern anbieten, um anderen seine Gefühle verständlich zu machen. Wahrheit ist immer subjektiv.

WamS: Sie fordern, dass die Linke in den USA eine aktivere Rolle spielen soll. Aber nach dem 11. September ist Präsident Bush beliebt wie nie.

Rorty: Ich bin fassungslos, wie unsichtbar die demokratische Partei ist. Es gibt ja Kritik an Bush, die aber von den Demokraten nicht im Kongress unterstützt wird.

WamS: Warum nicht?

Rorty: Sie haben wohl einfach Angst, dass ihnen derzeit jede Form von Kritik am Krieg gegen den Terrorismus die Chance auf den nächsten Wahlsieg nimmt.

WamS: Könnte stimmen.

Rorty: Der Wähler ist nicht so dumm, Kritik am Präsidenten mit einem Mangel an Patriotismus zu verwechseln.

WamS: Ist der Militäreinsatz erfolgreich gewesen?

Rorty: Ja. Zukünftige afghanische Regierungen, aber auch die in Sudan oder Somalia werden hoffentlich Terroristen keinen Unterschlupf bieten, weil sie das Risiko scheuen. Das mag die Wahrscheinlichkeit von Anschlägen verringern – die einzige Rechtfertigung für den Krieg.

WamS: Sollen die USA nun weitermachen und auch den Irak angreifen?

Rorty: Ja, das wird Zeit. Niemand hat verstanden, warum Bush senior im Golfkrieg kurz vor Bagdad Halt gemacht hat.

WamS: Was muss mit bin Laden geschehen, würde er gefasst?

Rorty: Ich denke, er wird tot aufgefunden, und niemand weiß genau, wie das passiert ist.

WamS: Sie meinen Lynchjustiz?

Rorty: Ich glaube nicht, dass die USA ihn vor Gericht stellen wollen.

WamS: Und das soll richtig sein?

Rorty: Wenn Kriegsverbrecher wie Milosevic vor Gericht kommen, macht das Sinn, denn da handelte es sich um staatlichen Terrorismus, und man muss der Welt erklären, dass eine Nation nur deshalb quasi böse wurde, weil ihre Führer kriminell waren. Wie bei den Nürnberger Prozessen. Im Fall von bin Laden handelt es sich nur um den Anführer einer Bande. Was sollte so ein Verfahren bewirken?

WamS: Zeigen, dass es sich bei bin Ladens Getreuen nur um eine kleine Schar Verblendeter handelt und nicht alle Islamisten potenzielle Terroristen sind?

Rorty: Aber das glaubt doch keiner. Bush hat Moscheen in den USA besucht, um ein Zeichen der Versöhnung zu setzen.

WamS: Was ist der Grund für den Hass auf den Westen in Teilen der islamischen Welt?

Rorty: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Muslime in Bangladesch oder Indonesien wegen des Schicksals der Palästinenser zu den Waffen greifen. Nur die arabischen Moslems führen eine Art organisierten Kreuzzug gegen Israel. Das hat nichts mit der Religion zu tun.

WamS: Aber doch damit, dass in islamischen Ländern keine Säkularisierung stattgefunden hat, was ihnen Werte wie Religionsfreiheit oder Gleichberechtigung fremd macht.

Rorty: Ohne liberale Erziehung im Geist der europäischen Aufklärung und ohne freie Presse ist es in gewissen islamischen Ländern natürlich einfach, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Die Menschen in Ägypten oder Syrien hören nie ein Plädoyer für die friedliche Koexistenz von Arabern und Juden.

WamS: Ohne Säkularisierung keine Freiheit?

Rorty: Mit einer großen, gebildeten, Zeitung lesenden Mittelklasse ist es unmöglich, eine religiöse Kultur aufrechtzuerhalten, wie es sie in Europa vor der Aufklärung gab und in diesen Ländern heute noch gibt.

WamS: Müssen die islamischen Länder also, wie in der westlichen Welt geschehen, Staat und Religion trennen?

Rorty: Wenn sie es nicht tun, bleiben sie in einer schwierigen Situation: Sie wollen mit dem Westen kommerzielle Beziehungen unterhalten, müssen aber dafür sorgen, dass ihre Gesellschaft nicht infiltriert wird. Diesen Status können sie nur mit sehr viel Autorität aufrechterhalten. In Ägypten wird so ziemlich jeder eingesperrt, der eine vernünftige Zeitung herausbringt.

WamS: Als postmoderner Philosoph haben Sie gezeigt, dass Wahrheit eine Sache der Perspektive ist. Gehen Sie so weit zu sagen, dass auch die radikalen Islamisten auf ihre Weise Recht haben?

Rorty: Es ist nicht so, dass Gott auf unserer Seite wäre oder auch nur die Vernunft. Aber die historische Erfahrung, wie man menschliches Leid verhindert, ist es. Liberale Demokratie hat da nachweislich sehr viel größere Erfolge verzeichnet als Tyrannei.

WamS: Sie fordern, westliche Kultur samt McDonald’s und Coca-Cola in islamische Länder zu exportieren. Lassen sich so Taliban von den Segnungen der Menschenrechte überzeugen?

Rorty: Je mehr unserer Bücher, Zeitschriften und Fernsehsender wir in diese Länder hineinschmuggeln können, desto besser. Aber dass jenes Land, das McDonald’s hervorgebracht hat, auch ein gutes Beispiel für konstitutionelle Demokratie abgibt, ist ein historischer Zufall. Was zum Beispiel Sozialgesetzgebung angeht, ist Europa den USA moralisch überlegen.

WamS: Trotzdem loben nach dem 11. September viele Deutsche amerikanische Werte wie Freiheit und Chancengleichheit.

Rorty: Ich habe viele E-Mails aus Deutschland bekommen und fand das sehr freundlich.

WamS: USA-kritischen Globalisierungsgegnern mag nun niemand mehr so recht zuhören.

Rorty: Nach den Anschlägen haben viele Kritiker gemerkt, dass wir alle zur westlichen Kultur gehören und der galten die Attacken. Es hätte auch den Potsdamer Platz treffen können.

WamS: Deutsche Intellektuelle wie Günter Grass oder Peter Sloterdijk wurden vom Innenminister Schily des Anti-Amerikanismus bezichtigt ...

Rorty: Es gibt eine europäische Tradition des Anti-Amerikanismus. Verständlich: Seit einem Jahrhundert geht alles nach dem Willen der USA.

WamS: Kann man auch in Amerika Anti-Amerikaner sein?

Rorty: Natürlich. Ich habe ein ganzes Buch über jene US-Intellektuellen geschrieben, die der Meinung sind, ihr Heimatland sei, kurz gesagt, nichts wert. Diese akademische Linke, die in der Tradition des Philosophen Foucault ein tiefes Misstrauen gegen jede Institution kultiviert. Die sich an Rassismus, Feminismus und der Gleichstellung Homosexueller abarbeitet, anstatt die Reichen davon abzuhalten, die Armen auszubeuten. Solange es keine Weltregierung gibt, sollte man auf sein Land und dessen Regierung ruhig ein bisschen stolz sein.

WamS: Die USA haben nach den Anschlägen Halt im Patriotismus gefunden. Bei uns ist so ein unverblümter Ausbruch nationaler Begeisterung kaum denkbar.

Rorty: Falsch. Wären die Flugzeuge in den Reichstag geflogen, hätten die Deutschen auch mit Patriotismus reagiert. Das ist doch ein ganz normales Gefühl.

WamS: Haben Sie eine USA-Flagge ins Fenster gehängt?

Rorty: Nein, die Straße war schon voller Fahnen, da brauchte es meine nicht. Aber verstehen Sie: Die amerikanischen Bürger waren nicht voller Hass oder wild auf den Krieg. Sie wollten zeigen, dass sie in schlechten Zeiten als Nation zusammenhalten.

WamS: Die hiesige Grüne Partei hat nur zögerlich pazifistische Positionen aufgegeben und deutschen Militäreinsätzen in Afghanistan zugestimmt.

Rorty: Ich glaube nicht, dass irgendein Land auf der Welt eine pazifistische Partei nötig hat. Wir brauchen hingegen eine Weltpolizei, die mit Diktatoren wie Kim Chong-Il in Nordkorea aufräumt – ein Staatschef, der sein Volk absichtlich verhungern lässt.

WamS: Die Amerikaner scheinen sehr zufrieden mit Präsident Bush zu sein.

Rorty: Vor dem 11. September machte er den Eindruck eines ungewöhnlich schlechten Regierungschefs, nun immerhin den eines durchschnittlichen.

WamS: Manche fürchten, Bush schränke in der Krise Bürgerrechte ein. Zu Recht?

Rorty: Fast täglich lese ich in der Zeitung über neue Regulationen des Justizministers, eine Ausweitung polizeilicher Kompetenzen, Militärtribunale ... alles Dinge, die noch vor zwei Monaten undenkbar gewesen wären. Ich habe regelrecht Angst.

WamS: Bei uns wird Innenminister Schily von Datenschützern und Bürgerrechtlern für ähnliches Vorgehen kritisiert.

Rorty: In einer Krise verlangt jede Regierung zusätzliche Kompetenzen, die sie danach nie wieder abgibt.

WamS: Sie fürchten aber noch nicht, dass der Geheimdienst Ihr Telefon abhört, oder?

Rorty: Könnte bald so weit sein. In den 60er-Jahren behaupteten viele meiner Freunde: „Das FBI beschattet mich.“ Ich dachte, die seien paranoid. Ich habe mich geirrt. Sie wurden vom FBI überwacht, wie sich später herausstellte.

WamS: In Ihrem Buch „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ loben Sie, dass der postmoderne Mensch spielerisch mit Haltungen experimentiert. Ist seit dem 11. September Schluss mit der Ironie?

Rorty: Es wird so getan, als müssten sich alle Intellektuellen hinter der Flagge eindimensionaler westlicher Werte versammeln. Als Philosoph wird einem vorgeworfen, einer dieser schrecklichen postmodernen Relativisten zu sein, die den Willen unserer Kultur geschwächt haben. Klingt wie bei den Nazis: Jüdische Wissenschaftler und Künstler hätten das deutsche Wesen geschwächt. Aber ich weigere mich immer noch, für Vernunft, Wahrheit und Gott zu kämpfen.

Das Gespräch führte

Markus Albers