Welt am Sonntag

"Sex und Gewalt gehören zusammen"

Topmodel und Schauspielerin Milla Jovovich spricht über Kindererziehung und ihren blutrünstigen neuen Film, über Feminismus und sehr kurze Röcke

Erschienen:

  • 24. März 2002
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WELT am SONNTAG: In Ihrem neuen Film „Resident Evil“ beschützen Sie und Ihre Partnerin Michelle Rodriguez die Männer vor bösen Zombies. Sind Frauen die besseren Action-Stars?

Milla Jovovich: Ja, denn sie sehen in engen Klamotten besser aus.

WamS: Hervorragender Grund.

Jovovich: Passen Sie mal auf! Action-Filme sind nicht intellektuell. Es geht darum, hart drauf zu sein und cool rüberzukommen.

WamS: Und um große Knarren.

Jovovich: Absolut. Je größer die Waffen und je kürzer die Röcke der Mädels, desto besser. Das mögen junge Leute, was man ja auch an Videospielen sehen kann: Wunderschöne Frauen mit großartigen Körpern machen unfassbare Dinge. Genau so soll „Resident Evil“ sein ...

WamS: ... die Verfilmung eines sehr gewalttätigen Computerspiels, in der Sie die Hauptrolle spielen ...

Jovovich: Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand noch in Filme mit Arnold Schwarzenegger oder Silvester Stallone gehen will, nachdem er Michelle und mich gesehen hat. Sie müssen zugeben, dass es viel netter anzuschauen ist, wie wir den Bösen in den Hintern treten.

WamS: Mal einen der besagten Herren kennen gelernt?

Jovovich: Nein, nur darum traue ich mich ja, so was zu sagen. Sorry Jungs. Die beiden kümmert das sowieso nicht, die verdienen mit ihren Filmen viel mehr als ich. Na ja, jedenfalls taten sie das vor zehn Jahren ...

WamS: Stallone dreht Rambo IV …

Jovovich: ... unfassbar, oder? Die Leute würden höchstens reingehen, wenn Michelle und ich mitspielten. Das wäre wenigstens sexy.

WamS: Sie wollen offenbar auf der Leinwand auch blutbespritzt noch gut aussehen.

Jovovich: Der Job von Regisseur und Kameramann ist es, mich sehr attraktiv wirken zu lassen. Ich sorge dafür, dass sie diesen Job machen.

WamS: Gibt es im Kino einen Zusammenhang zwischen Gewalt und Sex?

Jovovich: Na bitte, doch nicht nur im Kino. Man streitet sich mit seinem Partner und hat danach großartigen Sex. Liegt am Adrenalin.

WamS: Sie sind ein ganz schön aggressiver Typ, oder?

Jovovich: Als Kind habe ich ständig gerauft. Und übrigens war ich mein Leben lang ein Waffennarr.

WamS: Weshalb Sie beschlossen, nach Johanna von Orleans nun eine monstermordende Amazone zu spielen?

Jovovich: Mein kleiner Bruder und ich saßen täglich fünf Stunden vor dem Computerspiel, das die Vorlage für den Film abgab.

WamS: Als Topmodel an der PlayStation? Das nimmt Ihnen doch keiner ab.

Jovovich: Hey, wirklich. Lag natürlich vor allem an meinem Bruder, der ist 13 Jahre alt und total fanatisch. Jedes Jahr besucht er mich zwei Wochen lang, und da machen wir eben immer diese blutrünstigen Spiele, die er so liebt. Er ist ein totaler Nerd: spindeldürr, unsportlich ...

WamS: ... keine Freundin ...

Jovovich: Die Mädchen werden ihn noch ein ganzes Weilchen ignorieren. Aber wenn er mal erwachsen ist, wird er ein Hengst.

WamS: Ein Hengst?

Jovovich: Na, ein Frauenheld eben. Genau wie unser Vater. Jedenfalls habe ich den Film gemacht, um meinen kleinen Bruder zu beeindrucken. Der sagt: „Johanna von Orleans“? Mir doch egal. „Resident Evil“? Jaaaaaa!

WamS: Außerdem war ja Angelina Jolie als Lara Croft in der Comuterspiel-Verfilmung „Tomb Raider“ sehr erfolgreich.

Jovovich: Zu kommerziell. Unser Film ist viel cooler.

WamS: Und blutiger.

Jovovich: Ach Quatsch, wir töten ja nur Zombies. Sie sollten mal sehen, was mein Bruder noch so für Spiele hat: In einem bekommt man Punkte für jeden Menschen, den man im Supermarkt erschießt.

WamS: Da wird es dann auch Ihnen zu viel.

Jovovich: Wenn Kinder, die so was spielen, oft allein sind, ist das eine tödliche Kombination. Eltern müssen mitspielen und ihnen klar machen, dass dies nicht die Realität ist.

WamS: Damit die Kinder kein Massaker in der Schule anrichten, wie es in den USA immer wieder geschieht?

Jovovich: Ich kann verstehen, dass introvertierte Kinder denken: Keiner mag mich in der Schule, also sollte ich – wie in meinem Spiel – mal mit einer Knarre da auftauchen. Dann sehen wir, wer der Boss ist.

WamS: Kinder sind manchmal so?

Jovovich: Ja, und dann brauchen sie Eltern, die ihnen sagen: Junge, sei nicht albern. Du bist ein tolles Kind und deine doofen Klassenkameraden wirst du nach der Schulzeit nie wieder sehen.

WamS: Hatten Sie beim Drehen eigentlich nie die Befürchtung, dass die Zombies mit ihren blassen Gesichtern und ruckartigen Bewegungen lächerlich wirken könnten?

Jovovich: Ehrlich gesagt haben wir ständig darüber Spaß gemacht. In einer frühen Version des Films gab es doppelt so viele Zombies und ich habe dem Regisseur gesagt: Wenn du willst, dass die Leute lachen, lass es so. Wenn du sie erschrecken willst, schneid die Hälfte wieder raus.

WamS: Die deutsche Schauspielerin Heike Makatsch spielt auch eine Untote.

Jovovich: Egal wie viel Make-up man den Schauspielern auflegt – wenn man sie zu lange zeigt, wirken sie nur komisch. Aber in den USA haben die Zuschauer vor Angst geschrieen. Der Film läuft da sehr gut, steht auf Platz zwei der Hitparade.

WamS: Durchaus beeindruckend für eine deutsche Produktion. Bleiben Sie nun beim Action-Genre?

Jovovich: Entscheide ich immer nach Gefühl. Mit 18 habe ich eine Rolle als Heroinsüchtige abgelehnt. Ich war damals ziemlich labil, einige meiner Freunde waren abhängig. Ich wäre wohl in Versuchung gekommen, auch harte Drogen auszuprobieren.

WamS: Als Recherche für die Rolle.

Jovovich: Ja, haha, Recherche nennt man das dann wohl. Ich war jung und experimentierfreudig.

WamS: Aber nochmal: Früher waren Frauen in Action-Filmen Opfer, jetzt sind sie die Heldinnen. Feministisch? Post-Feministisch?

Jovovich: Vielleicht für Feministinnen. In „Resident Evil“ wird mein Rock kürzer und kürzer ... nicht so wahnsinnig frauenbewegt, würde ich sagen.

WamS: In Deutschland durften Frauen lange nicht zur Armee.

Jovovich: Blödsinn. Klar sollen Frauen zur Armee.

WamS: Eine Männeridee, dass Frauen nicht töten und brutal sein können?

Jovovich: Natürlich eine Männeridee. Frauen wurden in der Geschichte immer klein gehalten, weil Männer vor ihnen Angst hatten. Hinter jedem starken Mann stand eine stärkere Frau.

WamS: Und Sie sind doch eine Feministin.

Jovovich: Denken Sie nur an Cäsar. Ich kann Ihnen eine lange Liste aufzählen ...

WamS: ... gern, aber ich fürchte, unsere Gesprächszeit ist rum ...

Jovovich: ... Napoleon ...

WamS: ... vielen Dank für das Interview, Frau Jovovich.

Jovovich: ... Marc Anton ...

Das Gespräch führte Markus Albers