Welt am Sonntag

Unternehmen Missmut

Teuer, kompliziert, unpünktlich – alle schimpfen über die Deutsche Bahn, aber wie schlimm steht es wirklich? Ein Praxistest

Erschienen:

  • 23. März 2003

Fotos:

  • F.-P. Tschauner, O. Stratmann, Jürgen Bindrim
unternehmen_missmut

Am Hamburger Hauptbahnhof reicht die Schlange der Wartenden bis zur Eingangstür des Reisezentrums. Zum Glück gibt es den Buchungscomputer. Der nennt die nächste Verbindung nach Berlin: In drei Minuten geht’s los. Kreditkarte rein und schnell zum Gleis.

Im Zug dann die böse Überraschung: Wir fahren nicht nur eine Stunde länger als üblich – das Ticket hat zudem etwa 50 Prozent mehr gekostet als sonst. Der Schaffner klärt auf: „Wir nehmen die Strecke über Hannover. Das ist weiter und also teurer.“ Logisch? Warum der Rechner überhaupt diese Verbindung als erste ausspuckt und eilige Kunden so in die Irre führt, weiß der Mann nicht.

Reiseauskunft in Münster. Ist das neue Preissystem wirklich so kompliziert? „Ja“, sagt die Auszubildende. „Man gewöhnt sich an alles“, vermittelt ihre daneben sitzende Vorgesetzte. Um zwei Verbindungen herauszusuchen, bedarf es diverser herangeschaffter Aktenordner und geflüsterter Diskussionen. Alltag auf deutschen Bahnhöfen.

Natürlich ist es plump, über die Bahn zu nörgeln. Unoriginell, schlecht gelaunt und ein bisschen spießig. Egal, wen man fragt, jeder erzählt, was ihm neulich Schreckliches im Zug widerfahren ist. Der unfreundliche Schaffner, das schlechte Essen, die Verspätung. Wer gerade nicht auf Lehrern oder der Telekom rumhacken mag, findet in der Bahn ein Konsensopfer, an dem Kritik zu üben garantiert Beifall findet.

Darum vorweg: Bahnfahren ist eine feine Sache. Man kommt voran und kann dabei lesen, schlafen oder umhergehen. Man bekommt ein warmes Gericht serviert, gerät mit Fremden ins Gespräch, steht weder im Stau noch im Regen. Sich mit dem Zug fortzubewegen ist die vielleicht zivilisierteste Form des Reisens und umweltfreundlich dazu. Alles in Ordnung also – wäre da nicht die Deutsche Bahn.

Deren Image ist momentan schlecht wie nie, denn sie hat neue Fahrpreise eingeführt, die ziemlich unübersichtlich sind und oft sehr hoch. Der Fahrgastverband „Pro Bahn“ behauptet, jeder zweite Kunde zahle seit der Tarifreform zu viel. Sicher ist: Wer früher bucht, bekommt neuerdings Rabatte, aber wer sich doch für einen anderen Zug entscheidet, zahlt drauf – die Differenz zum Normalpreis plus zehn Prozent Bordzuschlag plus 45 Euro Gebühr.

Bundes-Verbraucherministerin Renate Künast fordert, diese Strafsumme wieder abzuschaffen und das komplizierte Rabattsystem allgemein zu vereinfachen, ihr Kollege Jürgen Trittin sekundiert (siehe Kasten unten). Die Bahn lehnt Nachbesserungen ab, will ein Jahr lang Kundenreaktionen sammeln.

Dazu kommt, dass Verspätungen seit Einführung des neuen Fahrplans zugenommen haben. „Auf einigen Strecken erreicht die Pünktlichkeitsquote inzwischen nur noch 70 Prozent“, sagt Christian Schirner vom Verbraucherschutz NRW. Gleichzeitig sei die Information unzureichend: „Viel zu selten werden die Kunden auf Anzeigetafeln oder über Durchsagen darüber informiert, warum der Zug verspätet ist.“

„Der Große Frust“ hat der „Stern“ daraufhin das Zugfahren genannt, „Unverzeihlicher Affront gegen Vielfahrer?“ fragt die „Frankfurter Rundschau“. „Alle schimpfen auf die Bahn“, fasst „Die Zeit“ zusammen.

Ist Bahnfahren in Deutschland auf einen Schlag unerträglich geworden? Ein subjektiver Praxistest soll Klarheit schaffen. Zwei Tage kreuz und quer durch Deutschland, von Berlin über Köln bis Hamburg und zurück. Abstecher auf Nebenstrecken nach Rheine oder Harburg. Bahnchef Hartmut Mehdorn rutschte neulich in einer Talk-Show heraus, länger als vier Stunden im Zug zu sitzen, sei eine Tortur. Mal sehen, ob das stimmt.

Es werden zwei Tage mit vielen Steh-Espressi im Bahnhofscafé, mit Chili und gemischten Käseplatten im Bistro. Mit Speisewagenkellnern, die per Handy telefonieren, während sie die Bestellung aufnehmen. Mit Bahnhöfen, in denen man mangels öffentlicher Toiletten die Morgenalkoholiker in der angeschlossenen Kneipe besuchen muss (Rheine), und solchen, an denen man für fünfzig Cent sechs Fahrten mit der Modelleisenbahn machen kann (Duisburg). Und, ja: Mit einigen Verspätungen, mancher falschen Auskunft, teils unnötig hohen Preisen.

Donnerstagabend, Start im ICE von Berlin nach Hannover. Menschen, die spontan losfahren, kommen im Bahnkosmos nach der Tarifreform nicht mehr vor, der privatisierte Staatsbetrieb zwingt seine Kunden „zur Spießigkeit“, wie das ein Kollege formuliert: Drei Tage, besser eine Woche vorher buchen, sonst wird’s teuer.

Aber jeder kennt die Unsicherheit, wenn man auf den letzten Drücker ins Anteil hüpft: Bin ich wirklich im richtigen Zug? Nach Osnabrück, den der elektronische Fahrplan angezeigt hatte? Der Schaffner sagt: Nein, nach Hannover. Keine Ahnung, wie es dann weitergehe. Er habe das Kursbuch „bitte schön, nicht komplett im Kopf“, aber auch keins dabei. Verbindungen zeige bei modernen Zügen der Computer an der Wand an. Der ist heute defekt. Zu spät, wir fahren.

Im Speisewagen gibt es griechische Woche. Auf den Schreck erst mal den angepriesenen Ouzo. „Ham wa nich“, rüpelt der Kellner. Keine Erklärung, keine Entschuldigung. Dann eben Lammsugo und Weißwein. Von nun an geht’s bergauf: Das Essen schmeckt solide, den Wein darf man vorher kosten, dem niesenden Gast wird „Gesundheit“ gewünscht. Dann kommt der Schaffner, hat die Verbindung doch noch rausgesucht. Es ist der richtige Zug. Also beruhigen und rund ums Thema lesen.

Schriftsteller Burkhard Spinnen wägt in der „FAZ“: „Der Flugzeugpassagier lässt sich enger stapeln als ein Stück Gepäck, wenn es nur schnell geht; der Autofahrer nimmt Staus und peinliche Parkplatzsuchen in Kauf, wenn er nur in seiner Blechmonade sitzen kann. In der Bahn aber erträgt man den Nebenmann nicht und gerät über jede Verspätungsminute in Panik.“

Doch aus anderen Quellen fügt sich das Bild einer nicht nur gefühlten Krise: In den ersten beiden Monaten 2003 habe die Bahn sieben Prozent Fahrgasteinbußen verkraften müssen. Laut Bahnchef Mehdorn liege das aber nur an der schwachen Konjunktur und der Konkurrenz der Billigflieger. Die Eisenbahnergewerkschaft widerspricht: Die Bahn bekomme die Quittung „für ein Geschäftsgebaren, das nicht an den Wünschen der Kunden orientiert ist“.

Wir haben bei der Ankunft in Hannover zehn Minuten Verspätung. Nicht so schlimm, allein – wo wird der Anschlusszug halten? Laut Fahrplan auf eben diesem Gleis, aber da stehen wir ja nun. Panik regt sich wieder. Der Zug wird der letzte heute sein. Soll man etwa spontan in Hannover übernachten? Keine Durchsage, keine Anzeige. Runter in die Bahnhofshalle und fragen? Bis dahin ist der Zug garantiert weg. Da vorn steht zufällig die Schaffnerin unseres ICE. Sie weiß: Auch der Anschlusszug ist verspätet, „kommt noch“. Wieder umsonst aufgeregt. Kann man das nicht anders regeln?

Und, wo wir dabei sind, gleich ein paar Fragen mehr: Warum funktionieren Mobiltelefone in der Bahn nie richtig, wenn spezielle Handy-Plätze im ICE oder Luxuszug „Metropolitan“ doch beweisen, dass es theoretisch geht? Warum empfängt das Radio nicht, man würde doch gern aktuelle Nachrichten zum Irak-Krieg hören. Warum gibt es in der Bahn nie Zeitungen zu kaufen? Warum muss man im Zug immer nachlösen, egal wie lang die Schlange am Schalter war? Und warum werden die Speisewagen abgeschafft?

Im IC von Hannover nach Bad Bentheim über Osnabrück und Rheine stellt sich diese Frage geradezu schmerzhaft. Der Reisende findet sich in der existenziellen Hässlichkeit des Bistro-Abteils: Ornamente in Telekom-Magenta, Plastikgrün und Messing. Rauch, Alkoholschwaden, trostlose Kneipenstimmung.

Der Kellner steht hinter seiner Bar zwischen Untertassen voller gebrauchter Teebeutel und Haufen von Kassenausdrucken. Reicht zu zwei Getränken nur ein Glas. Hat kein Wechselgeld, nimmt das daraufhin aufgerundete Trinkgeld ohne Dank. „Das Bistro ist für Raucher?“ „Stehen ja überall Aschenbecher.“ „Und wenn ich Nichtraucher bin?“ „Mh.“ „Dann müsste ich mich wohl ins Abteil setzen?“ „Jau.“

Abendliche Bahn-Tristesse. Ein bärtiger Mann im roten Pulli trinkt Bier, raucht. Am Nebentisch eine Frau mit seidenem Halstuch, trinkt Bier, raucht, hustet stark. Keiner liest, keiner redet. Kurz raffen sie sich zu einem Gespräch über den Krieg auf. „Öl regiert die Welt.“ „Das macht die Leute fertig.“ Dann wieder bleierne Stille. Beide schauen aus dem Fenster. Rauchen mehr.

Freitagvormittag. Von Rheine nach Münster zuckelt heute ein Zug wie aus vergangenen Zeiten: Mit Graffiti bekritzelt, laut und ruckelig. Das ist aber die Ausnahme. Bahnfahren mag teurer und unübersichtlicher geworden sein, aber zwei Klischees finden sich bei dieser Stichprobe nicht: Ernsthaft heruntergekommene Züge und überfüllte Abteile.

Nachmittags Kontrastprogramm im „Metropolitan“ von Köln nach Hamburg. Könnte sich Hartmut Mehdorn die ideale Bahn träumen, sähen wohl alle Züge so aus. Das neue Tarifsystem ist von Lufthansa-Managern erdacht worden und im „Metropolitan“ ahnt man, wie das alles gemeint sein könnte. Hier fühlt sich der Fahrgast so nah am Flugzeug wie sonst nie: Kostenlose Zeitungen, Ledersitze, dunkles Holz, Milchglas, Schmusesoul aus den Lautsprechern. Sogar Lufthansameilen bekommt man gutgeschrieben. Schöne Schaffnerinnen – eher Stewardessen – beantworten zuvorkommend jede Frage. Weil alles so weich und sauber und leise ist, bleibt umso mehr Muße, sich über das stetig vom laptopfreundlichen Ausklapptisch wandernde Wasserglas zu ärgern. Irgendwas ist ja immer.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ Kurz hinter Hamburg macht der Zug eine überraschende und auch später nicht erklärte Vollbremsung. Salzstreuer sausen wie Geschosse durch den Raum, der Kellner lässt angesichts dieses Malheurs alle Zurückhaltung fahren. Doch es geht bald weiter, am Ende sind wir nur 20 Minuten zu spät. Das Kalbsgeschnetzelte schmeckt, der Espresso hat eine Crema. Das Notebook findet bequem auf der weißen Decke Platz. Die junge Dame vom Nebentisch lässt sich in ein Gespräch verwickeln. Plötzlich macht das alles hier wieder sehr viel Spaß. Bahnfahren ist ein Abenteuer, bei dem garantiert jede Menge schief geht, aber in Momenten wie diesen scheint auf, warum es die schönste Art zu reisen bleiben wird. Zumindest, solange es Speisewagen gibt.