Welt am Sonntag

Wer ist das neue Establishment?

Sie sind gut erzogen, erfolgreich, erben Milliarden: Eine junge Elite statusbewusster, stilsicherer und pragmatischer Individualisten wird unser Land in Zukunft prägen

Erschienen:

  • 6. Januar 2002
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Na gut, die Sache mit dem Prada-Anzug. Andreas, Geschäftsführer einer Hamburger PR-Agentur, ist das jetzt auch ein bisschen peinlich, obwohl es eine nette Geschichte abgibt: Der Anzug also, den er sich letztes Jahr gekauft, in den Schrank gehängt und dann nie getragen hatte, weil da schon so viele Anzüge hingen. Den er nun, weil klar als Modell der letzten Saison zu identifizieren, seiner Putzfrau geschenkt hat. Für ihren Sohn.

Während er das erzählt, sitzt Andreas in Adidas-Trainingsjacke beim angesagten Österreicher, vor sich das dritte Glas Weißburgunder und ein Kalbsschnitzel, am Arm eine große Vintage Rolex. Später wird er in seinen neuen Mini steigen – natürlich das teure Sportmodell – denn gerade hat ein Freund auf dem neuen GPRSHandy angerufen, im Rubin-Club wird noch gefeiert. In der Agentur wird Andreas morgen trotzdem pünktlich um neun sitzen und für Mercedes ein Top-Event organisieren.

Er würde es nie zugeben, aber Andreas ist der Prototyp der neuen deutschen Elite. Jener Mittdreißiger, die als junge Menschen in den hedonistischen 80er-Jahren sozialisiert wurden. Für die in den 90ern das exzessive Feiern in Techno-Clubs zum prägenden kulturellen Fixpunkt wurde. Für die der Umgang mit Handy, Internet und Palm-Pilot so selbstverständlich ist, dass sie kein Aufhebens mehr davon machen müssen. Die wissen, dass sie sich nicht allzu viele Gedanken über die Zukunft machen müssen, denn keine Generation war je finanziell so gut abgesichert wie sie: In den nächsten Jahren werden sie mehr als eine Billion Euro erben, im Jahr 2000 waren es allein 150 Millionen Euro. Tendenz steigend. Die Deutschen Bundesbank spricht von einer „riesigen Erblawine“.

Zugleich haben die Angehörigen des neuen Establishments zum Anfang des neuen Jahrtausends den Niedergang der New Economy erlebt und gelernt, dass soziale Netzwerke wichtiger sind als das virtuelle Netz des World Wide Web. Haben emotionale Intelligenz, technische Kompetenz und ein ausgeprägtes Stilempfinden zu einer unwiderstehlichen Erfolgsmischung verbunden.

Diese neue Formation hoch gebildeter, kreativer und ehrgeiziger Menschen ist dabei, blitzschnell die 68er einzuholen, über deren Marsch durch die Institutionen an die Hebel der Macht noch vor kurzem viele Magazinund Buchseiten gefüllt wurden. Doch anders als die 68er hat diese Elite nicht lange Jahre in Kommunen, bei Sit-ins und Selbstfindungs-Trips nach Indien verbracht. Anders als die Grünen mussten sie sich Pragmatismus nicht erst mühsam antrainieren. Anders als die Yuppies der 80er-Jahre wissen sie aber auch, dass Einzelgängertum nichts bringt. Dass sie mit emotionaler Intelligenz und Altruismus, mit Toleranz und Teamwork nicht nur an Sozialkompetenz gewinnen, sondern auch Karriere machen.

So wie Frank aus München, der nach Philosophie- und BWL-Studium zunächst als Assistent in einer TV-Produktionsfirma gejobbt hat, um weiter sein Leben genießen zu können. Jetzt ist er 28, die noch vor kurzem blondierten Haare sind wieder naturschwarz, denn Frank hat genug gefeiert und will nun Gas geben. Der Unternehmensberatung PriceWaterhouseCooper gefiel sein buntscheckiger Lebenslauf so gut, dass sie ihn gleich als Trainee einstellten. Zunächst geht es für ein paar Monate nach New York, dann kann er sich seinen Dienstwagen aussuchen, in drei Jahren will er Partner sein. „Gleich sein ist out, besser sein ist in“, textete der „Spiegel“ dieses Jahr über das Leistungsbewusstsein der Jungen.

Nicht nur die Unternehmen werben um die jungen hedonistischen High Potentials. So untersucht die „Zeit-Stiftung“ ständig Wege, um Hochbegabte herauszufordern und zu fördern. Das mit Abstand größte Projekt ist die Bucerius Law School Hamburg, die erste private deutsche Hochschule für Rechtswissenschaft. Dort werden nur ausgewählte, nach Leistung und Persönlichkeit besonders hoch qualifizierte Bewerber zugelassen.

Im Gegensatz dazu steht noch manche aktuelle Analyse zeitgenössischer Eliten stellvertretend für den ins Ökonomische übersetzten Lebensstil der 68er. Ein Beispiel ist David Brooks’ im vergangenen Jahr erschienenes Buch über die so genannten „Bobos“, also bourgeoise Bohemiens. Gemeint sind erfolgreiche Gutmenschen, die ihr Geld statt für unnütze Statussymbole wie einen Sportwagen lieber für eine genauso teure Küche ausgeben, die soziales Engagement mit kommerziellem Erfolg verbinden, der Arbeitswelt einen „Sinn“ geben wollen, die Geld verdienen wie Manager, aber aussehen wie Künstler.

Der Bobo-Prototyp ist Apple-Gründer Steve Jobs, ein zum Geschäftsmann gewandelter Alt-Hippie, und das offenbart das Dilemma dieser Analyse: Gemeint ist schon wieder die Generation der 50-Jährigen, die den Versuch, eine verspielte, „neue Wirtschaft“ zu erfinden, aus nachvollziehbaren Gründen attraktiv fand.

Ein Versuch allerdings, der mit dem Platzen der Internet-Blase als gescheitert gelten darf. Peter Kempe, Partner der Hamburger Lifestyle-Beratungsfirma Kuball&Kempe: „Virtuelle Interaktivität war nicht greifbar, eine Scheinwelt. Die neue Elite ist eher konservativ. Wenn die Leute jetzt viel Geld ausgeben wollen, dann achten sie jetzt auf Qualität; sie haben zu lange irgendwo etwas anklicken können und waren dann enttäuscht.“

Darum haben Mitglieder des neuen Establishments kein Problem mit Luxus. Im Zweifelsfall ziehen sie auch gleich in die Stadt, in der ihre ebenso wohlhabenden Eltern und die Freunde der Familie wohnen. Kaum ein Vertreter des neuen Establishments kommt aus nichtbürgerlichen Verhältnissen. Die Solidarität mit den nicht Begüterten hält sich in Grenzen. Anders als die Generation zuvor definieren sich die heute 25- bis 40-Jährigen nicht über einen Akt der Rebellion, sondern über einen der Distinktion. Dieser kann gerne auch von den Eltern übernommen werden. Einen Generationskonflikt gibt es kaum. Diese wohlhabenden jungen Menschen überlegen, ob sie ihren Jack Russel Terrier gegen einen Mops tauschen sollten, tragen eine Rolex Daytona, hören Platten von amerikanischen Bands wie Fisher Spooner ebenso wie Carlos-Klaiber- Einspielungen von Beethoven-Symphonien. Alles soll Ausdruck einer Kennerschaft sein: sowohl in sozialen, ästhetischen wie ethischen Angelegenheiten wollen Vertreter dieser Generation absolute Connaisseurs sein.

Was den Internet-Hype überlebt hat, ist die schon damals zutreffende Beschreibung der neuen Elite als nomadisch und global orientiert. Ihr Einfluss speist sich aus einem weltweiten Netzwerk an Kontakten und einem kosmopolitischen Ideenfundus. Eine Spielart dieser Spezies sind die so genannten „Kosmokraten“, welche die britischen Autoren John Micklethwait und Adrian Wooldridge beschrieben haben: International operierende Spezialisten mit einem „pathologischen Bedürfnis“, Networking zu betreiben. Kosmokraten „managen die Welt“, schreiben die Autoren, „sie haben die Ideen, die Kontakte und die nötige Chuzpe, um die internationale Wirtschaft zu steuern“.

Der andere Reflex auf den Kollaps der New Economy ist der Rückzug auf individuelle Strategien, die Unübersichtlichkeit fragmentierter Lebensläufe in den Griff zu bekommen. Mitglieder der neuen Elite verbinden Karriere mit ihrem je subjektiven Verständnis einer kleinen Rebellion, die lediglich dokumentiert, wie sehr einverstanden man sonst mit dem Rest der Welt ist. Steuerberater Klaus besitzt eines der erfolgreichsten Büros in Hamburg, demonstriert seine Nonkonformität aber mit einem Totenkopf-Logo auf seiner Visitenkarte.

„Self-Branding“ nennt der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann diesen Trend zur individuellen Ausdifferenzierung Erfolg versprechender Lebensstile und sagt: „Das Ich wird zum Voyeur der eigenen Performance.“

Doch es gibt auch Eigenschaften, welche die neue Elite einen: sie ist pragmatisch, unideologisch, mobil, modisch extrem stilsicher. Gleichzeitig hoch kompetitiv, statusbewusst, snobby. Sie besteht nicht aus Fernseh-Gesichtern – sie zieht die Strippen im Hintergrund und sorgt dafür, dass andere ins Fernsehen kommen. Man kennt diese Menschen nicht als klassische Prominente, denn der Auftritt auf der öffentlichen Bühne hieße, sich als Individuum dem Massengeschmack so sehr annähern zu müssen, dass der richtige „Style“ – das zentrale Dinstinktions-Kriterium – verwischt würde – für das neue Establishment eine undenkbare Konzession an den Mainstream.

Natürlich sind Mitglieder des neuen Establishments auch Angeber. Wenn Christian Kracht in seinem Roman „1979“ von Berluti-Schuhen als den besten der Welt schreibt, dann tun sie so, als sei ihnen diese Marke längst bekannt gewesen. Wenn Florian Illies, der Bestsellautor von „Generation Golf“, eine Art Bibel des neuen Establishments, in seinem neuen Buch unter dem Titel „Anleitung zum Unschuldigsein“ Strategien gegen das schlechte Gewissen der Political Correctness empfiehlt, dann schmunzelt der selbstbewusste Vertreter der neuen Elite nur, weil er sich solchen Zwängen noch nie unterworfen fühlte. Er versteht sich als undogmatisch, lässt seit Jahren politische Kategorien wie links und rechts nicht mehr gelten, findet es aber inzwischen langweilig, das betonen zu müssen.

Seine Werte bewegen sich in Termini wie „Markenfetischismus“, „Statusbewusstsein“ und „Distinktionsgewinn durch Lässigkeit“. Einerseits hat er gelernt, politisches Interesse und moralische Skrupel als emotionale Grundausstattung moderner Großstadtmenschen vorauszusetzen – Naomi Kleins Buch über Ausbeutung in Turnschuh-Fabriken der Dritten Welt hat er natürlich gelesen und angeregt bei einem Glas Rhabarberschorle diskutiert. Am nächsten Tag stolz den Freunden zu erzählen, dass er im Londoner Nike-Town soeben die neuen schwarzen Air Shox erstanden habe, empfindet er nicht als Widerspruch.

Im Tennis- oder Hockeyclub haben Vertreterinnen wie Vertreter des neuen Establishments auch gelernt, dass der Körper die zentrale Währung ist, mit der gehandelt wird. Darum ist der Besuch im Fitness-Studio für sie selbstverständlich, darum muss er sich eben nicht wie Joschka Fischer nach Jahren der Genuss-Exzesse als enthaltsamer Gesundheits-Apostel neu erfinden. Das macht das neue Establishment leistungsfähiger, denn Zähigkeit, Ausdauer und Dynamik sind auch für die Karriere nützliche Eigenschaften. Dank des zu erwartenden Erbes verzichtet man aus Lebensqualität auf allzu gierige Karrieren. Die Souveränität des neuen Establishments ist die Souveränität derjenigen, die schon haben und nicht noch (viel) mehr wollen.

Viele Traditionen der ehemals Reichen und Schönen haben ausgedient. Es heißt, Gunter Sachs – Prototyp des eleganten Playboys alter Schule – habe die Party zum 40sten Geburtstag der Sylter Discothek „Pony“ frühzeitig verlassen, weil er die neureichen Angeber nicht ertragen konnte. Es heißt auch, Fiat- Chef Giovanni Agnelli habe in den 60er-Jahren seine Rolex stets unter dem Pulloverärmel getragen, um nicht mit Äußerlichkeiten zu protzen. Seitdem hat sich das Verständnis von gutem Stil geändert, und dass muss gar nicht schlecht sein.