Welt am Sonntag

"Wir brauchen eine New New Economy"

Können Existenzgründer Deutschland retten? Nicholas Negroponte, visionärer Vordenker der US-Wirtschaft, erteilt exklusiv ein paar Ratschläge

Erschienen:

  • 18. Mai 2003
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WELT am SONNTAG: Deutschland rutscht in die Rezession. Was raten Sie unserer Regierung?

Nicholas Negroponte: Kanzler Schröder muss junge Leute ermutigen, unternehmerisch zu denken. Dazu gehört, die Unterscheidung zwischen Management und Mitarbeitern aufzubrechen, diese ständig mitgedachte Lagermentalität. Das Arbeitsrecht – zum Beispiel der strikte Kündigungsschutz – ist das größte Problem der deutschen Wirtschaft.

WamS: Was können wir von den USA lernen?

Negroponte: Schauen Sie sich unsere gesunde Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten ab. Damit meine ich nicht Chaos oder Anarchie. Aber eine Atmosphäre, in der neue Ideen sprudeln.

WamS: Woher kommt die?

Negroponte: Sie dürfen Menschen nicht stigmatisieren, die beim Versuch, Ideen umzusetzen, scheitern. Und Sie müssen mehr auf ihre Jugend hören.

WamS: Jeder soll Unternehmergeist entwickeln, sich selbstständig machen? Klingt arg nach der gescheiterten New Economy.

Negroponte: Zugegeben – der Enthusiasmus der New Economy war stark übertrieben. Aber nicht grundsätzlich falsch. Es ging um Risiko, Jugend, Improvisation, darum, Organisationen auf den Kopf zu stellen. Eine Kampfansage an Werte wie Planung, Weisheit, Geschichte. Das Traurigste am Platzen der Internet-Blase ist, dass junge Europäer jetzt von allen Seiten hören: Ich hab’s dir doch gleich gesagt. Du hättest für eine Bank arbeiten sollen, für die Regierung oder einen großen Konzern.

WamS: Immerhin sichere Jobs. Viele Gründer von Internet-Start-ups sind heute arbeitslos.

Negroponte: Die Kids haben ihre Firmen Ende der 90er aus den falschen Motiven heraus gegründet. Gier ist keine zwingende Notwendigkeit, und Investition ist nicht gleich Spekulation.

WamS: Was kann junge Gründer heute motivieren?

Negroponte: Eine eigene Firma zu starten bedeutet, eine Herausforderung anzunehmen. Es gewährt Freiheit und gleichzeitig eine Riesenmenge neuer Probleme und Verantwortung. Das muss man plötzlich alles allein schultern – was einsam sein kann und Furcht einflößend. Aber das Schlimmste, was jungen Menschen passieren kann, ist zu scheitern und dabei etwas zu lernen. Ich finde, das ist die Erfahrung wert.

WamS: Sie plädieren für eine „New New Economy“. Was soll das sein?

Negroponte: Egal ob in den USA oder Deutschland – es geht um Leidenschaft, Unternehmergeist. Nicht nach acht Stunden den Griffel fallen lassen, auch mal Wochenenden ignorieren. Wir müssen Arbeit, Spiel und Leben zu einer Einheit verschmelzen.

WamS: Das wollen viele gar nicht.

Negroponte: Es geht nicht darum, rund um die Uhr zu schuften. Sondern darum, die wichtigen Themen präsent zu haben. Immer mehr Berufstätige arbeiten von zu Hause aus, haben flexible Arbeitszeiten, integrieren die Arbeit in ihr tägliches Leben.

WamS: Heimarbeit funktioniert aber nicht bei jedem.

Negroponte: Ein Gehirnchirurg oder Pizzabäcker muss natürlich dort sein, wo der Patient ist oder der Teig. Aber viele Jobs sind heutzutage mobil, erfordern nur einen Bildschirm, der überall sein kann. Ist es nicht ironisch, dass so viele Leute täglich ins Büro gehen, nur um auf einen Bildschirm zu schauen?

WamS: Welche Vorteile soll denn diese unabhängige Art des Arbeitens bieten?

Negroponte: Die meisten Menschen haben ihre besten Ideen unter der Dusche oder während sie die Straße entlanggehen. Wenn Arbeit leichter genommen wird, mehr mit Spaß zu tun hat, generiert das Innovation.

WamS: Und die schafft Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze.

Negroponte: Eben. Deswegen sage ich ja auch: Hören Sie stärker auf die Jugend. Viele Kulturen legen zu viel Gewicht auf das Alter. Erfahrung ist oft mehr wert als Einfallsreichtum, und aus gesundem Respekt kann übertriebene Ehrerbietung werden. Jobs werden dann nach Berufserfahrung, also an Ältere vergeben, was zu einer versteinerten Arbeitsumgebung führt, die die Kreativität der Jungen erstickt.

WamS: Entschuldigen Sie, aber: Eine Chefetage ist kein Spielplatz. Die Zeiten sind ernst.

Negroponte: Ach ja? Schauen Sie sich doch mal das Wirtschaftswachstum an, das große Kinder wie Bill Gates, Michael Dell oder Steve Jobs geschaffen haben.

WamS: Zugegeben: Microsoft, Dell und Apple sind Weltkonzerne. Was schlagen Sie konkret vor?

Negroponte: Unser Verständnis von Bildung muss sich ändern. Die meisten Zutaten einer innovativen Gesellschaft finden sich in den frühen Stadien des Lebens und Lernens. Die Erziehung treibt Kindern zu oft ihre Experimentierlust aus. Sie sollen sich an bewährten Glaubenssätzen orientieren, Disziplin lernen, einem etablierten Curriculum folgen. Es heißt immer, „jemand hat das Rad neu erfunden“ – als sei das etwas Schlechtes.

WamS: Sie wünschen sich die antiautoritären Erziehungsmethoden der 60er-Jahre zurück?

Negroponte: Schauen Sie – viel spannender, als die Erfolge von Kindern zu feiern, sind die Fehler, die sie machen. Auch wenn Wind nicht dadurch entsteht, dass Blätter sich bewegen – wie manche Kinder glauben –, ist das doch eine genügend profunde Theorie, dass man sie nicht gleich als Unsinn verwerfen muss. Fehlerhafte Konzepte zu zerlegen ist eine der besten Methoden, zu neuen Ideen zu gelangen – genau so optimiert man Computer-Software. Das hat aber eben nichts mit Drill und Pauken zu tun – zwei Techniken, die derzeit wieder zu Eckpfeilern des Bildungssystems werden.

WamS: Und die Universitäten?

Negroponte: … müssen ein Ort der Forschung und Arbeit werden, an dem die Studenten durch Aktion und Austausch lernen, statt frontal unterrichtet zu werden. Vorlesungen müssten fast auf null reduziert, Laborarbeit und Außenrecherche ausgeweitet werden. Meine Vision ist die eines Meisters aus dem 16. Jahrhundert, dessen Schüler in seinem Atelier durch Praxis lernen. Wenn die Universität für den Professor ein Ort ist, an dem er zwei Nachmittage pro Woche unterrichtet, dann hat man ein Problem.

WamS: Macht Sinn. Was schlagen Sie noch vor?

Negroponte: Zentral wichtig ist Vielfalt. Je stärker die Kultur eines Landes, desto seltener bringt sie innovatives Denken hervor. Nach allem, was man über Kreativität weiß, sind tief sitzende Überzeugungen, weit verbreitete Normen und Verhaltensstandards die Feinde neuer Ideen.

WamS: Sie attackieren übertriebenes europäisches Traditionsbewusstsein?

Negroponte: Die USA haben im vergangenen Jahrhundert ein Drittel aller Nobelpreise eingeheimst und konkurrenzlos viele Erfindungen gemacht, die das Rückgrat des weltweiten Wirtschaftswachstums bilden: von automatisierter Fließband-Arbeit über den Halbleiter bis zur Gentechnik. Die heterogene amerikanische Kultur, dieser sprichwörtliche Schmelztiegel verschiedener Ethnien, bringt ständig Innovationen hervor, weil die Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln auf ein Problem schauen.

WamS: Die USA sind ein klassisches Einwanderungsland. Deutschland diskutiert, Zuwanderung zu begrenzen – auch wegen der ungebrochen hohen Arbeitslosigkeit.

Negroponte: Das Arbeitslosenproblem dadurch zu lösen, dass man Einwanderung erschwert, ist so, als würde man einen Krieg verhindern wollen, indem man die Stahlproduktion stoppt. Wenn ein Einwanderer einem Deutschen nicht den Job wegnimmt, weil er im Restaurant kellnert, dann indem er außerhalb Deutschlands billigere Tomaten anbaut.

WamS: Was also tun?

Negroponte: Anstatt Zuwanderung zu blockieren, würde ich sie nutzen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Neue Ideen entstehen aus der Kombination des Unwahrscheinlichen. Um diesen Effekt zu maximieren, müssen Sie in Deutschland den Vorteil kultureller Unterschiede nutzen. Die sind, wie gesagt, eine der größten Quellen von Innovation in den USA. Manche behaupten, das liege daran, dass wir keine eigene Kultur haben – auch in Ordnung.

WamS: Sie stammen aus einer alten griechischen Reederfamilie. Trotzdem preisen Sie die multikulturelle, antiautoritäre und jugendverliebte US-Gesellschaft. Wie geht das zusammen?

Negroponte: Dazu erzähle ich Ihnen eine Geschichte: Vor zehn Jahren schrieb ich einen Artikel mit dem Titel: „Warum ist Europa nicht am Netz?“ Das ärgerte meinen Vater sehr – ein gebildeter europäischer Aristokrat, der fünf Sprachen fließend beherrschte. Aber mit einem Computer umzugehen hatte er nie gelernt, und für ihn mussten Kinder leise und unauffällig sein. Er verwarf alle meine Kritikpunkte: Europa sei nicht zentralistisch, in Europa gebe es sehr wohl Risikokapital … Dann kam er zu meinem letzten Punkt: „Europäer hören nicht auf ihre Jugend.“ Mein Vater schaute mich an und sagte: „Warum sollten wir auch?“ Wir mussten beide sehr lachen. ?

Das Gespräch führte

Markus Albers